„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

14448539455 655a296a17 o by bernard spraggnz cc0 gemeinfrei flickr com pfarrbriefservice Wort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 14. Oktober 2017

Dieser Satz fällt im Fernsehen öfter - meist bei politischen Äußerungen, die von der Mehrheitsmeinung abweichen.

 

Es ist aber niemand da, der diese Äußerung etwa gewaltsam verhindern würde. Ich verstehe diesen Satz eher trotzig: ‚Was ich jetzt sage, erntet bestimmt Widerspruch, weil es zu einseitig ist. Aber ich sage es trotzdem! So!‘ - Ein anderer Satz, der von Rednerpulten zu hören ist, klingt ähnlich: ‚Und lassen Sie mich das auch noch sagen …‘ Auch hier weit und breit niemand, der die sprechende Person daran hindern wollte! Das ist Wortgeklingel, aufgeblähte Pseudomitteilung, sprachliche Füllmasse. Mich fuchst die Stimmung, die dadurch erzeugt wird: Man muß sich in Acht nehmen, man kann sich kaum trauen … Im Gegensatz dazu besteht in der elektronischen Kommunikation diese Unsicherheit nicht. Da kommt nicht nur Unverblümtes, da kommt auch Unverschämtes, Verletzendes und Ehrabschneidendes. – In der Bergpredigt Jesu steht ein kurzer Vers, der lautet: „Eure Rede sei Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Mt 5,23). Das meint nicht ‚Jaja …‘ oder ‚Och nee …‘, sondern: Sprecht klar heraus: Wenn etwas so ist, dann sagt es so. Ist es anders, dann sagt es auch. – Vielleicht dürfen wir Ostwestfalen stolz darauf sein, was man uns nachsagt, wie auch den Küstenbewohnern und den Gebirgsbauern: Kein Wort zuviel! – Natürlich: es gibt Situationen, da verlangt die Höflichkeit, das Gegenüber nicht zu verletzen: Sei es der Heringssalat, der geruchsintensive Käse oder die kandierten Früchte: Die Frage: „Schmeckt’s dir?“, muß man nicht unbedingt mit einem eisigen „Nein!“ beantworten. Man kann auch sagen: „Ist nicht so ganz mein Fall.“ – Wichtig, finde ich, ist eine Kultur der Aufrichtigkeit, die sich vor Unangenehmem nicht wegduckt, die auch Mängel in ruhigem Ton benennt, die ohne Kampfeswillen mutig sagt: „Das sehe ich anders. Das finde ich falsch.“ – Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einem Land zu leben, wo man (bis auf wenige, berechtigte und gesetzlich geregelte Ausnahmen) alles sagen und meinen darf; wo man frei, ungezwungen und ohne Rechtfertigungsdruck wählen darf; wo man nach ureigenster Auffassung glauben, lieben und leben und sogar den Staat verklagen darf, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. – Sätze wie ‚Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!‘ ist Stimmungsmache. ‚Lassen Sie mich das auch noch sagen ..“ ist Geschwafel. Versuchen wir’s doch mal mit dem schlichten Rat Jesu: „Eure Rede sei Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ – Das wollte ich nur mal so sagen!

Einen guten Sonntag wünscht Pfr. Bernhard Brackhane

 

 

 Pfarrer Bernhard Brackhane, Foto Westfalen Blatt

 

Bildquelle: Pfarrbriefservice © Bernard Spragg. NZ / CC0 – gemeinfrei / Quelle: flickr.com

 

 

Bernhard Brackhane
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost

 

post
projekt
gruppe2
 

Newsletter Abo

Projekte & Aktionen

bes_gottesdienste_60
Sant' Egidio Bielefeld
Neue Erfahrungen für Gashand, Geist und Seele
citykloster_60
Gast+Haus Bielefeld-Schildesche
Zuflucht und Zukunft - Ankommen in Lippe
Logo Zukunftsbild
wfdl_2011_60
Orte verbinden
Flüchtlingshilfe Paderborn

Besucher Statistik

Heute204
Gestern656
Diesen Monat7620
Gesamt529269