Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge

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II.    Grundlagen des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge

1. Die Fürsorge für Flüchtlinge und Migranten gehört zum Selbstverständnis der Kirche. Unsere christliche Identität tritt gerade dann besonders deutlich zutage, wenn jede Person, die in unserem Land Zuflucht sucht, menschenwürdig behandelt wird.
Erfahrungen von Flucht, Migration und Heimatlosigkeit durchziehen das Alte und das Neue Testament wie ein roter Faden. Ebenso prägend für die biblischen Texte sind die Aufrufe zur Gastfreundschaft und zur besonderen Fürsorge für schutz- und hilfsbedürftige Menschen. „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35) – angesichts der Fluchtbewegungen unserer Tage spricht dieses Wort aus dem Matthäus-Evangelium jeden von uns aufs Neue ganz unmittelbar an. Die Hoffnungen und Ängste der Menschen auf der Flucht sind auch die Hoffnungen und Ängste der Kirche. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar. Gemeinsam mit Papst Franziskus setzt sich die katholische Kirche in Deutschland für eine lebendige „Kultur der Aufnahme und der Solidarität“ ein. Dabei sind wir uns bewusst, dass auch in unserer eigenen Kirche nicht alle das Engagement für Flüchtlinge und Migranten vorbehaltlos unterstützen. Gelegentlich gibt es sogar offenen Widerspruch. Deshalb brauchen wir ein innerkirchliches Gespräch, das Ängste und Befürchtungen aufgreift und überwinden hilft.

2. Die kirchliche Flüchtlingshilfe vollzieht sich auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens. Sie zeichnet sich durch die Vielfalt ihrer Akteure und Kompetenzen aus.
Eine große Zahl von Menschen leistet an vielen Orten in der Kirche bewundernswerte Arbeit, um die Lage der Flüchtlinge zu verbessern. Leitend ist dabei das Prinzip der Subsidiarität. Die 27 Diözesen, die Ordensgemeinschaften, der Deutsche Caritasverband mit seinen vielen Untergliederungen und Fachverbänden, die verschiedenen kirchlichen Gruppen, Verbände und Organisationen, die international tätigen Hilfswerke und besonders auch die vielen Ehrenamtlichen in den Gemeinden – sie alle setzen sich im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten mit Rat, Tat und Gebet für die seelischen und materiellen Bedürfnisse der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein. Viele Initiativen werden in fruchtbarer ökumenischer Zusammenarbeit umgesetzt. Auch Menschen, für die es ansonsten nur wenige Berührungspunkte mit der Kirche gibt, erfahren und prägen durch ihr Mitwirken in der kirchlichen Flüchtlingshilfe die Lebendigkeit und Gestaltungskraft der christlichen Nächstenliebe.

3. Das kirchliche Engagement für Flüchtlinge legt einen besonderen Fokus auf menschliche Begegnung und persönliche Begleitung. Gleichzeitig gilt es anzuerkennen, dass die Kirche nur einer von mehreren relevanten Akteuren im Bereich der Flüchtlingshilfe ist. Papst Franziskus erinnert uns daran, dass „Jesus Christus … immer in der Erwartung [ist], in den Migranten und den Flüchtlingen, in den Vertriebenen und den Heimatlosen erkannt zu werden“. Ausgangs- und Zielpunkt all unserer Bemühungen muss deshalb stets die Wahrung der individuellen Würde jedes Flüchtlings und Asylsuchenden sein – unabhängig von Herkunft und sozialem Stand, Religion und Weltanschauung, Geschlecht und sexueller Orientierung. Bei allen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um angemessene Antworten auf die gegenwärtigen Migrationsbewegungen ist von Christen ein besonderes Maß an Sensibilität gefordert für die vielen individuellen Lebens- und Leidenswege, die sich hinter den hohen Flüchtlingszahlen verbergen. Gleichzeitig darf jedoch nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Kirche einen Ersatz für tragfähige sozialstaatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen anbieten könnte. Ein verstärktes kirchliches Engagement ist vielmehr in jenen Bereichen geboten, in denen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach menschlicher Begegnung und persönlicher Begleitung besteht. Zudem ist eine intensive Vernetzung mit nicht-kirchlichen Akteuren in der Flüchtlingshilfe vonnöten.

4. Die Kirche vertritt die Anliegen aller benachteiligten Menschen. Das kirchliche Engagement für die vielen Menschen, die an die Ränder unserer Gesellschaft gedrängt werden, wird mit unverminderter Energie fortgesetzt.
Die Kirche kennt die Notlagen von Menschen, die nicht von ihrem Lohn, ihrer Rente oder ihrem Arbeitslosengeld leben können, die vergeblich einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle suchen, die keinen bezahlbaren Wohnraum finden oder die als Alleinerziehende mehrfachen Belastungen ausgesetzt sind. Die Anliegen der benachteiligten Menschen in unserer Gesellschaft und die Bedürfnisse der Flüchtlinge und Asylsuchenden dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr versteht sich die kirchliche Fürsorge für Flüchtlinge als Teil eines umfassenden sozial-caritativen Engagements. Die Motivation zur Flüchtlingshilfe speist sich nicht nur aus der besonderen christlichen Fürsorgepflicht für Migranten, sondern ist allein schon unter pragmatischen Erwägungen ein Gebot der Stunde: Gerade weil uns das gesamtgesellschaftliche Wohl am Herzen liegt, wollen wir dazu beitragen, dass die gegenwärtigen Herausforderungen im Geist der Solidarität und Mitmenschlichkeit bewältigt werden können.

5. Die Integration von Menschen mit anderer kultureller oder religiöser Prägung stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Die Kirche kennt ihre besondere Verantwortung für das Gelingen gesellschaftlicher Integrationsprozesse.
Die Menschen, die derzeit zu uns kommen, wünschen sich für ihre Heimat nichts sehnlicher als Frieden und Gerechtigkeit. Meist verbindet sich damit die Hoffnung, eines Tages wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren zu können. Da jedoch vor allem für die Krisenländer des Mittleren Ostens und Afrikas keine schnellen Lösungen in Sicht sind, wird Deutschland für eine beträchtliche Zahl von Flüchtlingen längerfristig zur neuen Heimat werden. Bereits jetzt ist der Grundstein für ihre erfolgreiche gesellschaftliche Teilhabe zu legen: Es muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden, unsere Sprache zu erlernen, Zugang zu Bildung zu erhalten, die für den deutschen Arbeitsmarkt notwendigen Qualifikationen zu erwerben und einen Beruf zu ergreifen. Integration ist ein vielschichtiger und wechselseitiger Prozess, der Zuwanderer und Aufnahmegesellschaft gleichermaßen herausfordert. Damit Vielfalt und Zusammenhalt keine Gegensätze darstellen, bedarf es gegenseitiger Wertschätzung und gemeinsamer Grundwerte. Trotz mancher Bewährungsproben ist ein gutes Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller, religiöser und weltanschaulicher Prägungen in Deutschland mittlerweile zum selbstverständlichen Alltag geworden. Diese Erfahrung bietet eine solide Grundlage für die Bewältigung der aktuellen und zukünftigen Integrationsaufgaben. Als Katholiken gehören wir einer Kirche aller Sprachen und Völker an. In diesem Bewusstsein wirken wir aktiv an der Gestaltung gesellschaftlicher Integrationsprozesse mit. Außerdem verfügen wir über langjährige Erfahrung in christlich-islamischen Begegnungen und können Kommunikationsbrücken zwischen säkularen und religiösen Wertvorstellungen bauen.

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