Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge

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I.    Die aktuelle Situation

In unseren Tagen haben Flucht und Vertreibung weltweit ungekannte Ausmaße erreicht. Zwar bleiben die meisten Flüchtlinge nach wie vor in den Krisenregionen des Mittleren Ostens und Afrikas. Doch angesichts der schlechter werdenden Versorgungslage und zunehmenden Perspektivlosigkeit in den Flüchtlingslagern vor Ort sucht eine wachsende Zahl von Menschen Zuflucht in Europa. In der aktuellen Situation erleben wir in unserem Land ein beeindruckendes Maß an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Zugleich sind vielerorts die Anzeichen der Ratlosigkeit und Überforderung unverkennbar. Nicht selten wird in der öffentlichen Debatte auch ein rauer Tonfall angeschlagen, der den Anliegen der schutzsuchenden Menschen in keiner Weise gerecht wird. Insbesondere die Zunahme an fremdenfeindlichen Gewalttaten gibt Anlass zu großer Sorge. Die gegenwärtigen Fluchtbewegungen stellen Deutschland und Europa vor neue Herausforderungen, die nur mit einer tragfähigen ethischen Orientierung zu bewältigen sind. Die Kirche weiß sich in dieser schwierigen Situation auf besondere Weise gefordert. Als Christen setzen wir uns mit Entschiedenheit für die Anliegen der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein. Dabei haben wir immer auch das Wohl der gesamten Gesellschaft und insbesondere die Bedürfnisse der benachteiligten Menschen in unserem Land im Blick. Das vorliegende Arbeitspapier soll der Vergewisserung über leitende Prinzipien und vorrangige Themenfelder des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge dienen.



II.    Grundlagen des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge

1. Die Fürsorge für Flüchtlinge und Migranten gehört zum Selbstverständnis der Kirche. Unsere christliche Identität tritt gerade dann besonders deutlich zutage, wenn jede Person, die in unserem Land Zuflucht sucht, menschenwürdig behandelt wird.
Erfahrungen von Flucht, Migration und Heimatlosigkeit durchziehen das Alte und das Neue Testament wie ein roter Faden. Ebenso prägend für die biblischen Texte sind die Aufrufe zur Gastfreundschaft und zur besonderen Fürsorge für schutz- und hilfsbedürftige Menschen. „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35) – angesichts der Fluchtbewegungen unserer Tage spricht dieses Wort aus dem Matthäus-Evangelium jeden von uns aufs Neue ganz unmittelbar an. Die Hoffnungen und Ängste der Menschen auf der Flucht sind auch die Hoffnungen und Ängste der Kirche. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar. Gemeinsam mit Papst Franziskus setzt sich die katholische Kirche in Deutschland für eine lebendige „Kultur der Aufnahme und der Solidarität“ ein. Dabei sind wir uns bewusst, dass auch in unserer eigenen Kirche nicht alle das Engagement für Flüchtlinge und Migranten vorbehaltlos unterstützen. Gelegentlich gibt es sogar offenen Widerspruch. Deshalb brauchen wir ein innerkirchliches Gespräch, das Ängste und Befürchtungen aufgreift und überwinden hilft.

2. Die kirchliche Flüchtlingshilfe vollzieht sich auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens. Sie zeichnet sich durch die Vielfalt ihrer Akteure und Kompetenzen aus.
Eine große Zahl von Menschen leistet an vielen Orten in der Kirche bewundernswerte Arbeit, um die Lage der Flüchtlinge zu verbessern. Leitend ist dabei das Prinzip der Subsidiarität. Die 27 Diözesen, die Ordensgemeinschaften, der Deutsche Caritasverband mit seinen vielen Untergliederungen und Fachverbänden, die verschiedenen kirchlichen Gruppen, Verbände und Organisationen, die international tätigen Hilfswerke und besonders auch die vielen Ehrenamtlichen in den Gemeinden – sie alle setzen sich im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten mit Rat, Tat und Gebet für die seelischen und materiellen Bedürfnisse der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein. Viele Initiativen werden in fruchtbarer ökumenischer Zusammenarbeit umgesetzt. Auch Menschen, für die es ansonsten nur wenige Berührungspunkte mit der Kirche gibt, erfahren und prägen durch ihr Mitwirken in der kirchlichen Flüchtlingshilfe die Lebendigkeit und Gestaltungskraft der christlichen Nächstenliebe.

3. Das kirchliche Engagement für Flüchtlinge legt einen besonderen Fokus auf menschliche Begegnung und persönliche Begleitung. Gleichzeitig gilt es anzuerkennen, dass die Kirche nur einer von mehreren relevanten Akteuren im Bereich der Flüchtlingshilfe ist. Papst Franziskus erinnert uns daran, dass „Jesus Christus … immer in der Erwartung [ist], in den Migranten und den Flüchtlingen, in den Vertriebenen und den Heimatlosen erkannt zu werden“. Ausgangs- und Zielpunkt all unserer Bemühungen muss deshalb stets die Wahrung der individuellen Würde jedes Flüchtlings und Asylsuchenden sein – unabhängig von Herkunft und sozialem Stand, Religion und Weltanschauung, Geschlecht und sexueller Orientierung. Bei allen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um angemessene Antworten auf die gegenwärtigen Migrationsbewegungen ist von Christen ein besonderes Maß an Sensibilität gefordert für die vielen individuellen Lebens- und Leidenswege, die sich hinter den hohen Flüchtlingszahlen verbergen. Gleichzeitig darf jedoch nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Kirche einen Ersatz für tragfähige sozialstaatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen anbieten könnte. Ein verstärktes kirchliches Engagement ist vielmehr in jenen Bereichen geboten, in denen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach menschlicher Begegnung und persönlicher Begleitung besteht. Zudem ist eine intensive Vernetzung mit nicht-kirchlichen Akteuren in der Flüchtlingshilfe vonnöten.

4. Die Kirche vertritt die Anliegen aller benachteiligten Menschen. Das kirchliche Engagement für die vielen Menschen, die an die Ränder unserer Gesellschaft gedrängt werden, wird mit unverminderter Energie fortgesetzt.
Die Kirche kennt die Notlagen von Menschen, die nicht von ihrem Lohn, ihrer Rente oder ihrem Arbeitslosengeld leben können, die vergeblich einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle suchen, die keinen bezahlbaren Wohnraum finden oder die als Alleinerziehende mehrfachen Belastungen ausgesetzt sind. Die Anliegen der benachteiligten Menschen in unserer Gesellschaft und die Bedürfnisse der Flüchtlinge und Asylsuchenden dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr versteht sich die kirchliche Fürsorge für Flüchtlinge als Teil eines umfassenden sozial-caritativen Engagements. Die Motivation zur Flüchtlingshilfe speist sich nicht nur aus der besonderen christlichen Fürsorgepflicht für Migranten, sondern ist allein schon unter pragmatischen Erwägungen ein Gebot der Stunde: Gerade weil uns das gesamtgesellschaftliche Wohl am Herzen liegt, wollen wir dazu beitragen, dass die gegenwärtigen Herausforderungen im Geist der Solidarität und Mitmenschlichkeit bewältigt werden können.

5. Die Integration von Menschen mit anderer kultureller oder religiöser Prägung stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Die Kirche kennt ihre besondere Verantwortung für das Gelingen gesellschaftlicher Integrationsprozesse.
Die Menschen, die derzeit zu uns kommen, wünschen sich für ihre Heimat nichts sehnlicher als Frieden und Gerechtigkeit. Meist verbindet sich damit die Hoffnung, eines Tages wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren zu können. Da jedoch vor allem für die Krisenländer des Mittleren Ostens und Afrikas keine schnellen Lösungen in Sicht sind, wird Deutschland für eine beträchtliche Zahl von Flüchtlingen längerfristig zur neuen Heimat werden. Bereits jetzt ist der Grundstein für ihre erfolgreiche gesellschaftliche Teilhabe zu legen: Es muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden, unsere Sprache zu erlernen, Zugang zu Bildung zu erhalten, die für den deutschen Arbeitsmarkt notwendigen Qualifikationen zu erwerben und einen Beruf zu ergreifen. Integration ist ein vielschichtiger und wechselseitiger Prozess, der Zuwanderer und Aufnahmegesellschaft gleichermaßen herausfordert. Damit Vielfalt und Zusammenhalt keine Gegensätze darstellen, bedarf es gegenseitiger Wertschätzung und gemeinsamer Grundwerte. Trotz mancher Bewährungsproben ist ein gutes Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller, religiöser und weltanschaulicher Prägungen in Deutschland mittlerweile zum selbstverständlichen Alltag geworden. Diese Erfahrung bietet eine solide Grundlage für die Bewältigung der aktuellen und zukünftigen Integrationsaufgaben. Als Katholiken gehören wir einer Kirche aller Sprachen und Völker an. In diesem Bewusstsein wirken wir aktiv an der Gestaltung gesellschaftlicher Integrationsprozesse mit. Außerdem verfügen wir über langjährige Erfahrung in christlich-islamischen Begegnungen und können Kommunikationsbrücken zwischen säkularen und religiösen Wertvorstellungen bauen.



III.    Themenfelder des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge

Papst Franziskus ruft uns ins Gedächtnis, was in der aktuellen Situation die Aufgabe aller Christen ist: Den Menschen, die ihre Heimat verloren haben, eine „konkrete Hoffnung zu geben“.
Diesem Handlungsauftrag weiß sich die Kirche in Deutschland auf mehreren Themenfeldern in besonderer Weise verpflichtet.

1. Begleitung, Qualifizierung und Stärkung des ehren- und hauptamtlichen Engagements in der kirchlichen Flüchtlingshilfe
Die vielen Christen, die sich für die Anliegen schutzsuchender Menschen engagieren, geben der kirchlichen Flüchtlingshilfe ein Gesicht: Sie eröffnen den Flüchtlingen und Asylsuchenden einen ersten Zugang zu unserer Sprache, bieten ihnen Orientierung in einer neuen und ungewohnten Umgebung, lassen ihnen lebensnotwendige Güter zukommen und vermitteln ihnen persönliche Wertschätzung. Gerade dann, wenn die freiwilligen Helfer mit den Grenzen ihrer Möglichkeiten konfrontiert werden und ihre Hilfsbereitschaft in Enttäuschung umzuschlagen droht, müssen ihnen kompetente Ansprechpartner zur Seite stehen. Wo auch immer Menschen sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren, sollen sie auf entsprechende Koordinations- und Schulungsangebote zurückgreifen können. Gleichzeitig besteht auch unter den Hauptamtlichen ein erhöhter Bedarf an Fort- und Weiterbildungen.

2. Seelsorge
Infolge der gegenwärtigen Fluchtbewegungen steigt auch die Zahl der Katholiken mit Migrationshintergrund. Viele Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten gehören einer der mit Rom unierten katholischen Ostkirchen an. Die klassischen muttersprachlichen Missionen, die vor Jahrzehnten für die katholischen Arbeitsmigranten errichtet wurden, können dem seelsorglichen Unterstützungsbedarf für christliche Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten jedoch allein nicht entsprechen. Unabhängig von den strukturellen Fragen, die es zu lösen gilt, muss vor allem dafür Sorge getragen werden, dass die christlichen Flüchtlinge sich inmitten unserer Kirche willkommen fühlen. Auch ist auf die seelsorglichen Anliegen der orthodoxen Christen unter den Geflüchteten zu achten. Des Weiteren können unsere Kirchengemeinden einen wichtigen Beitrag zum Abbau von Ängsten und Vorbehalten leisten: Auf der Basis einer vertieften Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben kann auch auf Menschen anderer Konfessionen und Religionen mit neuer Offenheit zugegangen werden. Gleichzeitig bedürfen alle Flüchtlinge der Seelsorge in einem weiteren Sinne: Überall dort, wo Menschen an ihre existentiellen Grenzen stoßen, können sie auf den Beistand kirchlicher Seelsorger zählen. Aus alledem ergeben sich neue Herausforderungen sowohl für die muttersprachliche als auch für die allgemeine Pastoral.

3. Wohnraum
Zahlreiche Flüchtlinge haben in kirchlichen Gebäuden ein Dach über dem Kopf gefunden. Die zuständigen kirchlichen Verantwortungsträger prüfen auch weiterhin mit der notwendigen Kreativität und Offenheit, welche Objekte rasch und unkompliziert für die Aufnahme von Flüchtlingen bereitgestellt werden können. Neben dieser kurzfristigen Nothilfe müssen wir uns bereits jetzt um längerfristige Lösungen bemühen: Integration kann nur dann gelingen, wenn für alle, die in unserem Land leben, angemessener Wohnraum zur Verfügung steht und Ghettobildung verhindert wird. Mit den katholischen Siedlungswerken kann die Kirche auf geeignete Instrumente zur Realisierung zukunftsweisender sozialraumorientierter Wohnprojekte zurückgreifen. Ihre Gründung erfolgte im Zusammenhang mit der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg, als Millionen von Heimatvertriebenen auf der Suche nach einer Bleibe waren. Der primäre Auftrag der Siedlungswerke, angemessenen Wohnraum für Menschen in schwierigen finanziellen oder sozialen Situationen zu schaffen, gilt unverändert fort. Die Bischöfe und Diözesen unterstützen die Siedlungswerke bei der Erfüllung dieses Auftrags. Künftig bedarf es einer intensiveren Zusammenarbeit von kirchlichen Akteuren aus den Siedlungswerken, den sozial-caritativen Diensten sowie den Bau-, Liegenschafts- und Finanzverwaltungen. Darüber hinaus sind auch weitere kirchliche Einrichtungen mit entsprechenden Ressourcen und Kompetenzen gefordert, sich im Bereich der Unterbringung von Flüchtlingen zu engagieren.

4. Gesellschaftliche Teilhabe durch Arbeit – Ausbildungsstellen und berufliche Perspektiven für Flüchtlinge
Die Erwerbsarbeit ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und bildet die wirtschaftliche Grundlage für ein eigenständiges und selbstverantwortetes Leben. Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen, fehlenden Unterlagen, Ausbildungsdefiziten oder unzureichenden Sprachkenntnissen sehen sich Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt vielfach mit Hindernissen konfrontiert. Erschwerend kommt hinzu, dass aufseiten der Arbeitgeber oft Unsicherheiten hinsichtlich des Aufenthaltsstatus von Flüchtlingen und Asylbewerbern bestehen. Die Integration in den Arbeitsmarkt hängt wesentlich von den Faktoren Bildung, Qualifikation sowie von gezielten Arbeitsmarktinstrumenten ab. In Zusammenarbeit mit anderen relevanten Akteuren unterstützen kirchliche Einrichtungen den beruflichen Einstieg von Zuwanderern durch Angebote der Berufsorientierung, auf den Beruf ausgerichtete Sprachkurse, Ausbildungs- und Berufsvorbereitung sowie Ausbildungsbegleitung. Überall dort, wo kirchliche Einrichtungen als Arbeitgeber oder als Träger von Berufsbildungsstätten fungieren, ergeben sich Chancen für die berufliche Förderung von Flüchtlingen. Damit Angebote der beruflichen Integration weiter ausgebaut werden können, muss die Aufnahmebereitschaft kirchlicher Einrichtungen verstärkt werden.

5. Gesellschaftliche Teilhabe durch Bildung – Förderung von Flüchtlingen in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Hochschulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung
Bildungsteilhabe ist nicht nur ein Schlüssel zur gesellschaftlichen Integration, sondern ein fundamentales Menschenrecht. Von der frühkindlichen und schulischen Bildung bis hin zur Hochschul- und Erwachsenenbildung befinden sich in Deutschland zahlreiche leistungsfähige Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Auch die vielfältigen Aktivitäten der katholischen Jugendarbeit sowie der Hochschul- und Studierendengemeinden schaffen Orte des sozialen Lernens. All diese wertvollen Ressourcen müssen noch intensiver als bisher dazu genutzt werden, den Flüchtlingen aussichtsreiche Bildungsperspektiven zu eröffnen. Gleichzeitig wird aufs Neue darüber nachzudenken sein, wie eine stärkere interreligiöse Öffnung katholischer Bildungseinrichtungen mit der Wahrung und Weiterentwicklung ihres christlichen Profils einhergehen kann.

6. Gesundheitsversorgung und psycho-soziale Begleitung von Flüchtlingen
Unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsstatus muss jeder Mensch in unserem Land Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung haben. Einige der Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, waren in ihrer Heimat schwerer körperlicher und seelischer Folter ausgesetzt oder wurden durch andere kriegs- und fluchtbedingte Ereignisse traumatisiert. Psychisch erkrankte Flüchtlinge erhalten in unserem Land nach wie vor keine hinreichende Unterstützung. Bereits jetzt gewährleisten kirchliche Organisationen mancherorts die notwendige medizinische, psychotherapeutische und soziale Versorgung. Dieses Engagement gilt es weiter auszubauen.

7. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stellen eine besonders schutz- und hilfsbedürftige Gruppe dar. Je größer ihre Zahl wird, desto mehr müssen wir uns für die Aufrechterhaltung bereits erreichter Qualitätsstandards einsetzen. Die vielen katholischen Organisationen, die in der Jugendhilfe tätig sind, verfügen über das notwendige Erfahrungswissen, um unbegleitete Minderjährige auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben zu begleiten. Neben Bildungsangeboten brauchen sie in besonderer Weise eine persönliche Begleitung und kompetente Ansprechpartner, die ihnen bei der Bewältigung ihrer seelischen Leiden zur Seite stehen.

8. Geflüchtete Frauen
Wenn Frauen alleine oder mit ihren Kindern fliehen, besteht die Gefahr, dass sie unterwegs Opfer von Gewalt, sexuellen Übergriffen oder Menschenhandel werden. Die Schutzbedürftigkeit geflüchteter Frauen muss in Kirche und Gesellschaft noch stärker als bisher wahrgenommen werden. Sowohl in den Erstaufnahmeeinrichtungen als auch in den späteren Unterkünften müssen Frauen Informationen in verständlicher Sprache darüber erhalten, welche Rechte sie haben und an welche Beratungsstellen sie sich im Bedarfsfall wenden können. Eine besondere Sensibilität für die Bedürfnisse geflüchteter Frauen muss sich in allen Bereichen des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge niederschlagen – vor allem aber im Hinblick auf Bildungs- und Berufsperspektiven, die Fürsorge für unbegleitete geflüchtete Mädchen sowie Fragen der Gesundheitsversorgung und psycho-sozialen Begleitung. Unterstützungsangebote für Frauen und Mädchen müssen sich an dem Ziel orientieren, dass sie ihre Lebensvorstellungen in Freiheit und Sicherheit verwirklichen können.

9. Solidarität mit Christen
Die Kirche steht an der Seite aller notleidenden Menschen. Den Christen, die in großer Zahl aus den Ländern des Mittleren Ostens fliehen müssen und in unserem Land Zuflucht suchen, wissen wir uns auf besondere Weise verbunden. Sie sind unsere Schwestern und Brüder im Glauben. Mit ihnen stehen wir in geistlicher Gemeinschaft. Es muss gewährleistet sein, dass christliche Flüchtlinge in unserem Land – gerade in Asylbewerberunterkünften – keine Ausgrenzung oder Bedrängung aufgrund ihres Glaubens erfahren. Wir setzen uns dafür ein, dass das christliche Leben im Mittleren Osten eine Zukunft hat, und finden uns nicht damit ab, dass Christen, die ihre angestammten Länder verlassen müssen, ihre Heimat für immer verlieren könnten. Auch für sie gibt es ein Recht auf Heimat, auch für sie gibt es ein Recht auf Rückkehr.

10. Interreligiöser und interkultureller Dialog – Kooperationen mit muslimischen und jüdischen Akteuren in der Flüchtlingshilfe
Auch unter den Muslimen und Juden unseres Landes wecken die aktuellen Fluchtbewegungen ein großes Maß an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, den Weg des interreligiösen und interkulturellen Dialogs mit Nachdruck fortzusetzen und gemeinsame Projekte zur Unterstützung von Flüchtlingen zu initiieren. Eine derartige Zusammenarbeit kann unter anderem auch für den gegenseitigen Respekt zwischen christlichen und muslimischen Flüchtlingen und die Überwindung antisemitischer Ressentiments, vor denen die jüdischen Gemeinden zurecht warnen, förderlich sein.

11. Internationale Flüchtlingshilfe
Wenn Papst Franziskus die „Globalisierung der Nächstenliebe“ anmahnt, erinnert er uns an unsere internationale Verantwortung – eine Verantwortung, die auch darin gründet, dass westliche Länder zu den desaströsen Verhältnissen in vielen Krisenregionen beigetragen haben. Solange es in vielen Ländern dieser Welt auf politischer, sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Ebene eklatant an menschenwürdigen Lebensbedingungen mangelt, ist kein rasches Ende der Fluchtbewegungen zu erwarten. Deshalb fordern und unterstützen wir eine Politik, national und international, die den Grundsätzen des „gerechten Friedens“ folgt und die Rechte der Zivilbevölkerung achtet. In der aktuellen Debatte gerät oft in Vergessenheit, dass die meisten Flüchtlinge sich nicht auf den Weg nach Europa machen, sondern nahe ihrer Heimat Schutz suchen. Vor diesem Hintergrund haben die kirchlichen Hilfswerke sowie weitere international tätige katholische Organisationen ihr Engagement zur Unterstützung von Flüchtlingsprojekten im Ausland in letzter Zeit weiter intensiviert. Mit ihren Partnern vor Ort leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Schaffung menschenwürdiger Verhältnisse in den Flüchtlingslagern und zur Bekämpfung von Fluchtursachen.

12. Politische Positionierungen in Fragen von Flucht und Asyl
Die enormen Anstrengungen, die die zuständigen staatlichen Stellen in unserem Land Tag für Tag unternehmen, um Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen, erfahren in der Kirche große Anerkennung. Zugleich stellen wir Defizite im Verwaltungshandeln fest, die die gesellschaftliche Diskussion über das Flüchtlingsthema belasten. Die Kirche kann den Staat nicht aus seinen hoheitlichen Aufgaben entlassen. Da jedoch Fragen von Flucht und Asyl die ethischen Grundsätze des Christentums berühren, begleitet die Kirche politische Entwicklungen in diesem Bereich mit besonderer Aufmerksamkeit. Als Christen sind wir dazu berufen, für die Freiheit und Würde jedes Menschen einzutreten. Ausgehend von dieser Überzeugung setzen wir uns dafür ein, dass gerade in Krisenzeiten grundlegende rechtsstaatliche, humanitäre und soziale Errungenschaften gesichert werden. Jeder Mensch, der bei uns Zuflucht sucht, hat Anspruch auf ein faires Verfahren und eine menschenwürdige Behandlung. Dies gilt auch für jene, die nicht dauerhaft in Deutschland bleiben können. Auch für sie tragen wir Verantwortung. Des Weiteren kommt der Einheit der Familie eine große Bedeutung zu. Sie ist ein hohes Gut, für das wir einstehen. An diesen Grundsätzen muss sich die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik messen lassen.

Die Leitsätze wurden von der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Kloster Schöntal am 18. Februar 2016 verabschiedet.

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