Gastfreundschaft

ApfelkorbWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 16.9.2012

Die Gastfreundschaft der Christen

Es gibt ein schon viele Jahre altes Büchlein des Theologen Rolf Zerfaß mit dem Titel „Menschliche Seelsorge“.

Ein Kapitel ist der Gastfreundschaft gewidmet. Der Autor schreibt wie er sie einmal erlebt hat. Es war bei einer Fahrt durch die Bretagne in einem alten Kloster, das – wie er schreibt – „inzwischen als Familienerholungsstätte dient“. „Wir waren zwar angemeldet, hatten uns aber sehr verspätet und saßen doch eine halbe Stunde später am Ende eines langen Tisches im Refektorium vor der aufgewärmten Abendmahlzeit mit sämtlichen Vor- und Nachspeisen. Das Nachtlager war denkbar einfach unter dem alten, eichenen Dachgebälk des ausgebauten Klosterspeichers, und der Sonnenaufgang über den Nebeln der Loire war unvergesslich schön. Da fand ich am Eingang zum Kloster eine Begrüßungstafel, die mir das Geheimnis dieser kleinen Insel der Menschlichkeit lüftete: „Du kommst jetzt herein – sei willkommen. Die Kommunität von St. Maur freut sich, dir eine Rast auf deiner Reise anbieten zu können. Gib dich aber nicht damit zufrieden, von uns zu profitieren, die hier in der Abtei leben. Lass uns auch von dem profitieren, was du lebst, was du weißt und was du hoffst. Schenke uns die Gemeinschaft mit dir als Gegengabe für dein Zusammenleben mit uns. Die Abtei St. Maur wird das sein, was wir hier gemeinsam tun.“

Eine eigene Erfahrung ist folgende:
Ich kam mit einem Freund durch den Solling ins Weserbergland gefahren. In der Nähe von Höxter liegt das Kloster Brenkhausen, das heute der Sitz des koptischen Bischofs in Deutschland ist. Wir entschieden spontan, dort einfach vorbeizuschauen.
Die Tür des Klosters war verschlossen. Die Öffnungszeiten waren vorbei. Doch wir sahen Licht und wagten es, noch zu schellen. Nach einem kurzen Moment des Wartens stand Bischof Damian selbst vor uns – mit weit ausgebreiteten Armen und herzlichem Lachen. „Seid herzlich willkommen“, begrüße er uns wie alte Freunde, obwohl wir uns kaum kannten.
Er nahm sich Zeit für uns und zeigte uns das ganze Kloster, erzählte uns viel über die Kirche in Ägypten und fragte schließlich, ob wir schon etwas gegessen hätten. Alle Abwehr nützte nichts – innerhalb einer Viertelstunde stand ein üppiges Abendessen auf dem Tisch. Wir haben eine solche Herzlichkeit und Freundlichkeit erlebt, über die wir auf der weiteren Rückfahrt noch lange gesprochen haben.

Gastfreundschaft ist eine biblische Tugend. Ich musste nach dem Besuch bei Bischof Damian an Abraham und Sara denken. Sie empfingen drei Männer an der Eiche von Mamre. Im Nu zauberten die beiden Alten ein Mahl auf den Tisch. Die Männer hatten eine wichtige Botschaft für Abraham, denn sie waren Boten Gottes, also Engel. Durch sie sprach Gott selbst. Auf diese Stelle nimmt der Hebräerbrief Bezug. Dort steht: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; durch sie haben manche Engel beherbergt.“ (Her. 13,2)

„Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich beherbergt“, sagt Jesus (Mt 25,35). „Alle Gäste, die kommen, sollen wie Christus aufgenommen werden,“ schreibt dementsprechend der Hl. Benedikt in seiner Mönchsregel. Christliche Gastfreundschaft  - wie kann das in der Praxis aussehen?

Ein Beispiel: An jeden vorletzten Freitag im Monat öffnen sich die Türen der Pfarrkirche St. Johannes Baptist weit. „Lebensmittel für alle“, haben wir diese Initiative genannt. Es ist alles gut vorbereitet. Die von Gemeindemitgliedern gesammelten Lebensmittel sind vom Team in Tüten verpackt worden. Im Eingangsbereich der Kirche ist ein Stehtisch aufgebaut. Er ist für viele ein Treffpunkt. Bei Kaffee oder Tee und Kuchenteilchen kommen wir ins Gespräch. Viele kennen sich inzwischen untereinander und begrüßen sich herzlich. Sie haben sich schon lange auf diesen Nachmittag gefreut. Im Hintergrund läuft etwas meditative Musik. Die Lebensmittel in den Tüten sind nur ein Element. Es geht auch um andere Mittel zum Leben: das Gespräch, die Gemeinschaft, das freundliche Willkommensein, die Beratung. Uns ist es wichtig, dass jede/r sich angenommen und geborgen fühlt. So ist langsam ein Miteinander gewachsen.
Kann man dies aber in einer Kirche tun? Wir haben manches vom Weihnachtsmahl mit den Armen der Gemeinschaft Sant’ Egidio gelernt. Es findet häufig in einer Kirche statt – und es ist eine alte christliche Tradition, die auf keinen Geringeren zurückzuführen ist als auf Papst Gregor den Großen zur Zeit der Völkerwanderung im ersten Jahrtausend nach Christus. Im Oratorium von Santa Barbara in Rom richtete er einen Tisch ein, an dem er selbst täglich die Armen der Stadt bediente. Noch heute ist dieser große Marmortisch zu besichtigen.

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht.“  Sie gehört zum Herz des Christentums.


Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

Bildautor:Peter Weidemann
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de


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