Menschenfischer sein

KutterWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 25.8.2012

"Menschenfischer sein"

Tage der Berufung (Mt 4,18-22)

Auf Einladung des Erzbischofs von Paderborn werden in diesem Jahr in allen Dekanaten sogenannte Tage der Berufung stattfinden. In unserem Dekanat Bielefeld-Lippe haben wir uns dafür entschieden, dass diese Tage auf der Ebene der noch zu gründenden Pastoralen Räume geplant und durchgeführt werden.

Doch – was heißt das eigentlich: Berufung. Wir sprachen immer von der Berufung zum Priester oder zur Ordensfrau, zum Ordensmann.
Wen beruft Jesus? Wer soll ihm nachfolgen?

Um solche Menschen zu suchen, geht er am See Genezareth entlang – und findet sie an seinem Ufer.
Nein- es sind keine Gelehrten. Sie haben nicht studiert, die ihm da begegnen.
Schon gar nicht waren es Schriftgelehrte, Pharisäer, keine Intellektuellen. Ob sie sich bis dahin überhaupt mit Religion befasst haben? Wir erfahren es nicht.
Es waren Fischer. Das ist kein einfacher Job: nachts hinausfahren, tagsüber die Netze versorgen. Als Jesus sie ansprach, richteten sie sie gerade her. Überwiegend waren sie draußen – bei Wind und Wetter.
Vermutlich waren es eher raue Gesellen. Auch in gewählten Worten sich auszudrücken, waren sie wahrscheinlich nicht gewohnt. Aber Lebenserfahrung hatten sie. Zwei von ihnen werden später „Donner-Söhne“ genannt. Das hat seine ganz eigenen Gründe.

Waren es nicht Menschen wie du und ich?  Weder Religionsgelehrte hat Jesus als erste berufen – und auch keine Funktionäre.

Auf uns übertragen heißt das: Wir sind durch Taufe und Firmung in die Nachfolge Jesu Berufene.

Im Übrigen finde ich spannend und interessant, wie diese vier sich hinauslocken lassen. Zwei von ihnen  ließen einfach ihre Netze liegen und folgten Jesus und zwar sofort.
Zwei von ihnen verließen das Boot und sogar ihren Vater.
Das bedeutet ja auch, dass sie ihre Sicherheiten aufgaben. Das Boot und die Netze waren ihr Zuhause.
So lesen wir es häufig in den Berufungsgeschichten der Bibel.

„Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde.“ Das sprach Gott zu Abram. „Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte.“ (Gen. 12)

Was wusste er schon davon, wohin die Reise gehen sollte? Danach jedoch fragte er nicht. Dabei war Gottes Auskunft dazu eher schwammig: „In ein Land, das ich dir zeigen werde.“

Wussten es die vier Fischer?
Wohl genauso wenig! Doch ihr Vertrauen in Jesus war wohl größer.

Einmal erfahren wir, dass eine Berufungsgeschichte nicht gelingt.
Da kam ein Mann zu Jesus, der ihn fragte, was er denn Gutes tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. Die Gebote kannte er und hielt sie auch. Da sagte ihm Jesus: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben – dann komm und folge mir nach. Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg.“ (Mt 19)

Ja – Nachfolge Jesu ist schon anspruchsvoll, manchmal eine Zumutung – für den jungen Mann war das offensichtlich zu viel. Doch  gehört das „Lassen-Können“ schon dazu.

Können wir das: Lassen? Auch uns will Gott locken.

Die deutschen Bischöfe schrieben 2004 in einem Hirtenbrief: „Gott selbst ist es, der unsere  Verhältnisse gründlich aufmischt, um uns auf Neuland zu locken.“
Gott selbst lockt uns hinaus. Haben wir wie die vier Fischer Mut, Neues zu beginnen?
Die Bischöfe schrieben damals auch „Wagen wir uns mit dem Evangelium in kirchenfremde Räume?“
Auch in Bielefeld lockt uns Gott mitten in die Stadt.
Was aber sollen wir da tun?
Seinen vier Fischer, später Jüngern und Aposteln ruft Jesus zu: „Ich will euch zu Menschenfischern machen.“

Ist das die Aufgabe: Menschen fischen, Menschen fangen?

Ich gebe zu, dass mich diese Aufforderung lange Zeit gestört hat – bis zu dem Zeitpunkt, als ich eine Frau diese Evangeliumsstelle habe auslegen hören, die ein beeindruckendes Projekt mit Aids-Kranken in Sao Paulo leitet. Sie sagte, es gehe darum Menschen aufzufangen, bevor sie ins Bodenlose fallen.

Welche Veränderung und welcher Perspektivwechsel: nicht einfangen, sondern auffangen. Dazu also wurden die Jünger berufen – und wohl auch wir.
Menschen aufzufangen – das ist unsere Aufgabe – woher diese Menschen auch immer kommen, sie aber nicht zu vereinnahmen.
Dazu muss man schon mittendrin sein – und genau dazu sind wir in dieser Stadt aufgerufen.

Gerade lese ich ein kleines Büchlein von Abbé Pierre, jenem berühmten Obdachlosenseelsorger aus Paris, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Das Büchlein hat den Titel: „Was ist das, der Tod?“ Wenn man sich diese Frage stellt – kann man die nächste gleich anschließen: „Was ist das – das Leben?“ Er wird gefragt: „Was muss man tun, um in den Himmel zu kommen?“ Er antwortet: „Von seiner Freiheit Gebrauch machen, um zu lieben und um die glücklich zu machen, die es am dringendsten brauchen.

Da ist es wieder: „auffangen.“

Und dann „Was ist das, das Leben?“ Seine Antwort: „Das Leben, das ist ein wenig Zeit, die freien Menschen gegeben ist, damit sie – wenn du willst – lieben lernen.“

Man muss nicht Obdachlosenseelsorger sein – aber es trifft denke ich – christliche Berufung zutiefst: Menschenfischer zu sein.


Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

Bildautor:Torsten Bogedain
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de


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