„Einen neuen Aufbruch wagen“

AufbruchWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 19.5.2012


„Einen neuen Aufbruch wagen“. Der Katholikentag in Mannheim hat sich dieses Thema zur Aufgabe gemacht – und damit ist es Thema der Kirche in Deutschland. Aufbruch und Kirche? Geht das zusammen? Ist die Kirche dazu nicht zu schwerfällig? Einer hat es mal so ausgedrückt: die Kirche wirke auf ihn wie ein Mercedes aus den 1980er Jahren: bequeme Sitze, etwas behäbig und vor allem: gute Bremsen.

Bildautor: Matthias Buchwald
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de

Kann man so aufbrechen? Ist die Kirche aufbruchfähig? Oder steht an der nächsten Ecke schon einer, der das Ganze ausbremst?

Aufbrüche wirken manchmal nach einiger Zeit wie halbe Rückzüge. Die Kirche hat jedoch auch schon bewiesen, dass sie aufbrechen kann. Einer ihrer Aufbrüche war das 2. Vatikanische Konzil. Da sollten Kirche und Welt zusammenkommen. Die zweitausend Jahre alte Botschaft sollte in der Jetzt-Zeit ankommen. „Aggiornamento“, auf deutsch „Verheutigung“ des Glaubens war dafür das Stichwort.

Manches davon ist sicher inzwischen auf der Strecke geblieben, manches längst noch nicht verwirklicht, vieles wird jedoch sehr selbstverständlich gelebt. Doch nicht wenige sprechen  von einem Reformstau.

Ist die Kirche augenblicklich zukunftsfähig?

-         Wir spüren, dass die religiöse Praxis auf einem Tiefstand ist

-         Wir werden als Glaubende von den Zeitgenossen kaum noch verstanden

-         Die liturgische Sprache ist oft weit weg von der Alltagswirklichkeit

-         Viele Zeitgenossen können ihr Leben deshalb in unseren Gottesdiensten nicht mehr wiederfinden.

Hat die frühe Kirche es verstanden, in die unterschiedlichen Kulturen hineinzugehen. (Inkulturation) findet heute ein weitgehende Ex-Kulturation statt. Die Kirche – wie sie ist – hat eine immer schwächer werdende Stimme in der zeitgenössischen Gegenwartskultur. Und dennoch suchen und fragen viele nach Sinn und Spiritualität. Doch finden sie das, was sie suchen bei uns? Zumindest deuten die deutschen Bischöfe in ihrem Hirtenbrief zum Bonifatiusjahr an: „Viele Zeitgenossen, gerade oft nachdenkliche und geistlich hungrige, suchen den Zugang zum Glauben. Nicht wenige fragen nach dem Eingang in den Glauben und in die Kirche. Wen treffen sie im Eingangbereich? Leute, die mit dicken Akten von Sitzung zu Sitzung hasten, die Termin um Termin wahrnehmen und schließlich außer Terminen nichts mehr wahrnehmen, die alles gelernt haben – nur nicht, wie man ein  geistlicher Mensch wird und wie man es bleibt?“ Bei solchen Menschen findet niemand etwas, der nach mehr sucht, als nach dem, was man alles kaufen kann. „Besonders prekär ist dabei“, schreibt der Pastoraltheologe Bernhard Spielberg, „dass sich auch Menschen von der Kirche abwenden, gerade, weil sie auf der Suche nach erfüllter Spiritualität sind – und dass Menschen den Glauben an Gott verlieren, weil sie in Not geraten.“

Ein neuer Aufbruch ist nötig, einer, der die Not wendet. Doch – wohin?

Da gibt es uralte Geschichten des Aufbruchs, die weiterhelfen. Abraham bricht auf, als ihm Gott sagt: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werden. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“ (Gen 12, 1-2) Allein auf diese Verheißung hin zog Abraham aus. Wohin? Er wusste es nicht – genauso wie wir nicht wissen, wohin uns unser Weg als Kirche führt. Abraham reichte das vollkommen aus. „Da zog Abraham weg, wie der Herr ihm gesagt hatte“ (Gen 12,4) Das Volk Israel zog aus Ägypten aus. „Darum (weil das Volk in der Sklaverei Ägyptens versank) habe ich beschlossen, euch aus dem Elend Ägyptens hinaufzuführen … in ein Land, in dem Milch und Honig fließen“. (Ex 3,17)
Immer ist es Gott, der zum Aufbruch ruft. „Gott selbst ist es, der unsere Verhältnisse aufmischt, um uns auf Neuland zu locken“, schreiben die Bischöfe denn auch in dem besagten Hirtenbrief.
Ihm gilt es, hinterher zuziehen. Dem Volk Israel ging er voraus in einer Wolken- und Feuersäule. Er hatte das Volk herausgeführt „mit starker Hand“.
Ziehen wir unserem Gott hinterher? Vertrauen wir ihm?

„Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein – oder er wird nicht mehr sein.“ Dem großen Konziltheologen Karl Rahner wird dieser Satz zugeschrieben. Und Mystiker heißt nichts anders als ein in Gott Verwurzelter. Machen wir uns fest in diesem Gott, der herausführt aus dem Elend? „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“, heißt es im Psalm 127.

Gott selbst ist bei seinem Volk, das durch die Wüste  - auch die der heutigen Zeit zieht.
Müssen wir da Sorgen haben oder Ängste – etwa vor unseren Zeitgenossen? Uns kann doch nichts geschehen! Und wer diesem Gott nah ist, der kann auch den Menschen nah sein. Gott ist in Jesus Mensch geworden, Zeitgenosse. Er ging in die Häuser der Menschen, begegnete ihnen auf den Straßen und Plätzen. Er hatte vor niemandem Berührungsängste. So konnte er ihre Nöte erkennen und sie aufrichten und ihnen eine gute Botschaft bringen.

„Wagen wir uns heute, mit dem Evangelium in kirchenfremde Räume?“ fragen die deutschen Bischöfe.

Die Bischöfe Frankreichs haben Ende der 1990er Jahre einen beachtenswerten Hirtenbrief mit dem Titel „Proposer la foi“  - „Den Glauben anbieten“, geschrieben. Sie stellen fest, dass es eine christentümliche Gesellschaft schon lange nicht mehr gibt – und dass es dahin keinen Weg zurück mehr gibt. Sie schreiben aber auch, dass „die heutige Zeit für die Verkündigung des Evangeliums nicht weniger günstig ist, als die vergangenen Zeiten unserer Geschichte“. Sie schreiben von einer „Chance, die wir nicht verpassen dürfen.“

Wohin kann die Kirche von heute aufbrechen, um Gott und den Menschen nah zu sein?

Nur einige Gedanken:

  • Wie gut täten Orte der Gastfreundschaft und des Willkommens, an denen Menschen einfach sein dürfen.
  • Wie heilsam wäre eine Freundschaft der Christen mit den Armen und Entrechteten? Jesus war ihnen immer nah.
  • „Die Liturgie setzt Energien der Liebe frei. Deshalb muss die Feier der Liturgie immer schön sein und die Realität Gottes, der in unsere Welt kommt, zum Ausdruck bringen.“ (Andrea Riccardi)  Wie gut ist eine Liturgie, in der Menschen sich aufgehoben wissen – ohne Enge und Steifheit der Form, dafür erfüllt mit Herzlichkeit und Liebe.
  • Gut und notwendig ist es zu wissen, wie andere Zeitgenossen leben und was ihnen wichtig ist.

„Einen neuen Aufbruch wagen – das ist eine biblisch begründete Notwendigkeit für die Kirche der heutigen Zeit.

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

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