Ja, das ist Fronleichnam

FronleichnamWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 7.6.2012


Täglich sind wir eingeladen, den Glauben für das eigene Leben zu entdecken, tiefer zu entdecken, neu zu entdecken. Genau dazu lädt auch das Fronleichnamsfest ein. „Fronleichnam“, das bedeutet: „Leib des Herrn“.

Bildautor:Thomas Lazar
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de

Dieses Fest zeigt für mich ganz deutlich etwas vom Wesen Gottes, an den wir glauben. Wir glauben an einen Gott, der die Menschen so sehr liebt, dass er sich täglich mit ihnen erneut verbinden will: Wir begegnen ihm in der hl. Kommunion, d. h.: Unser Gott ist kein unberechenbares Überwesen, sondern ein liebender Vater, der seine Kinder speisen will. Die Feier hl. Messe ist ein Fest, bei dem Gott selbst der Gastgeber ist und wir als seine Gäste feiern dürfen. Und bei diesem Fest kommt uns Gott in Jesus Christus in der hl. Kommunion entgegen. Er hält sich nicht zurück, sondern er gibt sich selbst in dieses Fest hinein - auf dem Altar ist er gegenwärtig unter den Gestalten von Brot und Wein. Den „Leib des Herrn“ dürfen wir empfangen.

„In eurem Gottesdienst komme  ich nicht  vor“, so sagen oft Jugendliche.

Sie bringen damit zum Ausdruck, was viele Menschen empfinden. Das alltägliche Leben und unser Glaube führen ein stark voneinan­der getrenntes Dasein. Sonntag und Werktag, Gott und die Welt scheinen beziehungslos nebeneinander zu stehen.

Vielleicht liegt diese Entwicklung auch in unserer modernen Lebens- und Arbeitswirklichkeit begründet. Wir sind alle auf irgendeine Weise zu Spezialisten geworden. Schon von Schülern und Jugendlichen werden spezielle Fertigkeiten verlangt, zu denen die ältere Generation keinen Zugang hat. Die Anforderungen im Berufsleben werden immer kom­plizierter und selbst im häuslichen Leben bestimmen uns immer mehr technische Details. Für jede Lebenslage verfügen wir über einen spe­ziellen Service und eine Zuständigkeit. In dieser Entwicklung wird Religion selbst oft zu einer bloßen „Funktion“. Der Glaube und die religiöse Betätigung sind dann ein gewisser Luxus für bestimmte Anlässe im Leben oder für festliche Stunden frommer Erbauung. Im konkreten Leben aber kommt Gott nicht vor, und in der Kirche scheint das Leben nicht vorzukommen.

Wenn wir heute das Fest des heiligen Leibes und Blutes Jesus Christi feiern, kann uns hier und heute eine Brücke zur Überwindung dieser Kluft geschla­gen werden. Wir feiern die Gegenwart des gekreuzigten und aufer­standenen Herrn in Brot und Wein, in den Früchten dieser Welt und den Produkten menschlicher Arbeit. Wir müssen nicht krampfhaft versuchen, ein wenig Welt, ein wenig Leben in unseren Gottesdienst zu holen. Denn der Herr selbst erwählte Brot und Wein für seine bleibende Nähe unter uns in dieser Welt.

Höchstes Ziel von Brot und Wein ist es also, zum Brot des ewigen Lebens, zum Wein der ewigen Freude zu werden. Damit aber werden uns diese Gaben zu einem sprechenden Zeichen über die Zukunft der Welt und den Sinn unserer menschlichen Arbeit. Die ganze Schöpfung und das Werk des Menschen sind berufen, einer Vollendung entgegenzugehen in Gott. Das Leben bleibt nicht aus­geschlossen, wenn wir Gottesdienst feiern, und Gott ist nicht abwesend, in unseren Alltäglichkeiten. Wenn wir also am Fronleichnamsfest die bleibende Gegenwart des Herrn in seinem Leib und Blut begehen, geht es uns auch um die Zukunft der Welt und den tiefsten Sinn unserer menschlichen Anstrengung. Es geht um uns.

Um mein Leben, meine Fragen, meine Sorgen, meine Suche, meine Ungereimtheiten.

Daraus kann die Haltung des Gotteslobes und der Anbetung wachsen. Die Haltung,  sich dem  Geheimnis betend und preisend zu nähern. Wir beten den Herrn  an und  singen  ihm Lieder,  und wir bekennen damit, dass  der Sinn und die  Vollendung unserer  ganzen Existenz nicht machbar  sind,   dass  sie uns  aber  geschenkt werden,  wenn wir bereit sind,  zu  empfangen.

Das ist Fronleichnam: Wir feiern unseren lebendigen Gott, der sich ganz mit uns  Menschen verbinden will, der uns so nahe sein will, das wir ihn in uns aufnehmen können. Nur ein liebender Gott lässt sich so auf die Menschen ein, nur ein liebender Gott will die Sorgen und Nöte der Menschen ganz teilen und bei ihnen sein. Diesen Gott tragen wir betend durch die Straßen unserer Stadt.

Wenn wir zur Kommunion gehen, können wir uns besonders bewusst machen, dass uns der liebende Gott in die Hand gelegt wird. Wir, als Gemeinde, als „Leib Christi" empfangen den „Leib Christi", das heißt: der lebendige Gott hat Auswirkungen auf unsere Gemeinschaft. Andere beurteilen uns und unseren Glauben danach, wie wir als „Leib Christi" miteinander umgehen. Deshalb heißt Fronleichnam für mich: unseren Gott in der Kommunion, unter den Gestalten von Brot und Wein, anbeten und empfangen und es heißt: das, was wir empfangen haben, wirken zu lassen - sich auswirken zu lassen: im Alltag, im Umgang miteinander, da wo wir leben, an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Familien, für den Nächsten in unserer Stadt.  So ist dieser Feiertag auch konkrete Lebensgestaltung. Wie lebe ich meinen Glauben? Wie handle ich aufgrund meines Glaubens? Was ist mir im Leben wichtig?josefholtkotte

Wir dürfen Gott nicht als jemanden begreifen, der uns besitzen will, sondern der uns bereichern will. So bleibt die Eucharistie ein unbegreifliches Wunder, aber doch auch konkrete Lebensgestaltung. Christus lebt mitten unter uns. Er schlägt sein Zelt unter uns auf. Er ist uns Wegweiser und Orientierung.

Ja, das ist Fronleichnam.

Josef Holtkotte
Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Mitte

Drucken E-Mail

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.