Wo bist du, Mensch?

fragezeichen2Wort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 18.11.2012


Es war zu Beginn der Fastenzeit als sich die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Lippe zu einer Sitzung traf. Ein junger Pfarrer aus einer Freikirche sagte zu Beginn, dass ihn in der letzten Zeit zwei Sätze aus dem Buch Genesis besonders beschäftigten. Ich bin dem etwas nachgegangen. Der eine Satz steht im 3. Kapitel und lautet: „Wo bist du, Adam?"

Adam hatte sich versteckt. Denn er hatte Angst bekommen. Und da merkte er, dass er nackt war. Warum aber dieses Erschrecken? Adam hatte seine Unschuld verloren. Gott hatte ja zu dem Menschen gesagt: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen. Denn sobald du davon isst, wirst du sterben." Dagegen hatte der Mensch verstoßen. Daraufhin sprach Gott ihn an: „Adam, wo bist du?" „Mensch, was ist mit dir?" Gott nimmt den Kontakt mit ihm auf, aber der Mensch versteckt sich. Gott möchte eine Beziehung mit ihm, aber der Mensch wendet sich ab. Doch Gott durchschaut ihn: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du vom Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?" Aber auch da läuft der Mensch weg – vor sich und vor Gott.

„Ich war es nicht! Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen." Typisch für den Menschen! Auch Jesus kannte dieses Phänomen des Auf-den-anderen-zeigens – und reagiert darauf.
„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem eigenen Auge aber siehst du nicht? Wie kannst Du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen – und dabei steckt in deinem eigenen Auge ein Balken?" (Mt 7, 1-4) Jesus nennt dieses Weglaufen vor den eigenen Fehlern Heuchelei.  Und wir kennen dieses Versteckspiel

  • die Gesellschaft hat Schuld
  • die Kirche kann es auch sein
  • die Erziehung ist ebenso möglich

Projektion nennt das die Psychologie – eigene Schuld wird auf andere projiziert. Das hilft keinem, sondern macht die Sache nur noch schlimmer.
Adam, Mensch, wo bist du, was ist mir dir? Wo sind wir vor Gott? In unserer Schuld, in unserer Not und in aller Begrenztheit?
Verstecken wir uns aus Angst oder Scham oder wagen wir es so wie wir sind vor ihn zu treten?
Unser Glaube macht uns Mut, das Versteck zu verlassen: Im Gleichnis vom verlorenen Sohn etwa lernen wir, dass Gott – so tief wir auch gefallen sind – uns entgegen läuft und in seine Arme nimmt, und zwar noch bevor wir uns vor ihm erklärt hätten. Welche Hoffnung auf Annahme und freigesetztes Leben?

Die zweite Frage lautet ähnlich wie die erste – sie ist im 4. Kapitel des Buches Genesis zu finden.
„Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel?"
Nicht weniger ist auch hier der Mensch soeben in tiefe Schuld gefallen. Gerade erst hatte Kain seinen Bruder Abel erschlagen.
Und es erfolgt genau dieselbe Reaktion: Flucht und Verdrängung: „Bin ich der Hüter meines Bruders?"
Was habe ich mit dem zu tun? Was geht er mich an? Wo sind unsere Brüder und Schwestern? Wie ist unser Verhältnis zu ihnen? Wie achtsam gehen wir miteinander um? Welche Verantwortung haben wir für sie übernommen?
Oder geht es uns wie Kain?
Es braucht zwar niemand erschlagen zu werden. Oft genügen schon Worte, in denen uns die Sprache verrät: „Der ist für mich gestorben." „Den kann ich auf den Tod nicht leiden". „Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben."
„Es gibt viele Arten zu töten", schreibt Bert Brecht. „Man kann einem ein Messer in den Bauch stecken, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tod schinden, .... Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten."

Aber auch so weit muss es noch gar nicht kommen. Es reicht das Aneinander-vorbei-Laufen voll und ganz „Er sah ihn und ging weiter", heißt es von Priester und Levit im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. (Lk 10,31-32)
Der barmherzige Samariter aber hatte Mitleid, „goss Öl und Wein in seine Wunden und verband sie" und tat noch viel mehr. Sein ganzes Vorhaben gerät durcheinander. Er lässt sich unterbrechen. „Die kürzeste Definition von Religion heißt Unterbrechung" (J.B. Metz)
Er hat sich „als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde" (Lk 10,36)

Hinter den beiden Fragen: „Wo bist du Adam" und „Wo ist dein Bruder Abel" kann man die Beziehung zu Gott und zu den Nächsten sehen – jesuanisch: Das größte aller Gebote: der Gottesliebe und der Nächstenliebe.
Und wer durch die Vergebung Gottes freigesetzt ist, hat beide Hände frei für die Not der andern. Genug Stoff, um für den Rest der Fastenzeit nachzudenken!

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

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