Wüsten-Zeit

WüsteWort zum Sonntag, 25.02.2012, WB


Mit dem Aschermittwoch hat die österliche Bußzeit, die Fastenzeit, begonnen.
Der Christ soll den Nächsten deutlich in den Blick nehmen und sich selbst wieder finden. Er soll das verwirklichen und mit Leben erfüllen, was ihm in der Taufe geschenkt wurde.

Die Fastenzeit ist eine Einladung, unseren Glauben zu vertiefen und zu festigen. Durch die   40 Tage der Vorbereitung auf Ostern werden wir an die 40 Jahre erinnert, die Israel in der Wüste verbrachte  und an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste fastete.
Fastenzeit als eine Wüstenerfahrung?

Was fällt uns ein, wenn wir an die Wüste denken? Vielleicht  Sonne, Hitze, Erschöpfung, Unsicherheit, Einsamkeit oder Stille, Freiheit, Oase. Die Wüste: Alles Unwesentliche wird unwichtig; Künstliches und Falsches verblassen.  Wir begreifen die Notwendigkeit, anders zu werden.
Während einer Reise in das Heilige Land sind wir mit unserer Gruppe von Jerusalem nach Jericho durch eine Wüste gegangen. Recht und links Höhen. Wir schritten durch das trockene Flussbett. Bedeckt mit Tüchern, die Kühlung brachten und vor der Sonne schützten. Ausgerüstet mit viel Wasser. Ein besonderes Erlebnis.
Und dann das Ziel: mitten in der Wüste die Oase Jericho. Man sieht das Grün der Palmen und schätzt das Leben, das hier pulsiert.
40 Tage hat Jesus in der Wüste verbracht, so berichtet die Bibel. Er hat sich vorbereitet auf seine öffentliche Wirksamkeit, auf sein öffentliches Auftreten. Er hat sich vorbereitet auf Lehre und Predigt. 40 Tage Fastenzeit – 40 Tage österliche Bußzeit, eine Wüstenerfahrung?
Was könnte gemeint sein, mit der Aussage: ,,mein Leben ist wie eine Wüste“? Es könnte bedeuten, dass ich mich ausgesetzt sehe, allein gelassen, dass ich erschöpft bin und leide. Es könnte aber auch heißen, dass ich Zeit für mich selbst habe, Zeit, zu mir selbst zu finden, Erfahrungen von Stille in meinem Leben zu machen. Jesus hat sich vorbereitet, ist in sich gegangen, hat sicher auch Zwiesprache geführt mit seinem Vater. Jetzt beginnt die Zeit der 40-tägigen Fastenzeit. Wird es Wüstenerfahrungen geben, die uns zu uns selbst finden lassen, die unser Leben bereichern, die Glaubenserfahrungen sind?
In einer Erzählung heißt es:
Eine Himalya-Expedition war unterwegs nach Norden. Nachdem die Gruppe einen ersten großen Pass überschritten und eine kurze Pause gemacht hatte, rief der Leiter der Expedition wieder zum Aufbruch. Dem leisteten die indischen Träger aber nicht Folge. Als ob sie nichts gehört hätten, blieben sie weiter auf ihren Plätzen  hocken, die Augen am Boden, und schwiegen. Als der Europäer weiter in sie drang, schauten einige Augenpaare ihn verwundert an. Schließlich sagte einer: ,,Wir können nicht weitergehen, wir müssen warten, bis unsere Seelen nachgekommen sind.“
Die indischen Träger in der Geschichte haben etwas wesentliches erkannt: Wir brauchen Zeit um wirklich Mensch zu sein, wir brauchen Zeit, um die Welt und was geschieht zu verstehen, wir brauchen Zeit, damit wir mit uns selbst eins sind.
Die österliche Bußzeit als Wüstenerfahrung kann diese Zeit sein, wieder zu uns selbst und zu Gott zu finden. Eine Zeit, in der unsere Seele wieder nachkommen kann, eine Zeit, die uns deutlich macht, dass wirkliche Begegnung, wirkliches Gebet Zeit braucht, Stille und Sammlung. Eine Zeit, die uns einlädt Christus zu suchen in unserem Leben.
Die Wüste steht also für viele Dinge, die uns belasten und schwer fallen. Die Wüste steht aber auch für die große Chance unseres Glaubens, (jetzt) in der Fastenzeit.

josefholtkotteAufmerksam diese Zeit zu nutzen, weil uns am Ende das größte Ereignis unserer Glaubens erwartet: die Auferstehung des Herrn, das ist der Sinn der österlichen Bußzeit. Aufmerksam zu sein für andere Menschen und aufmerksam zu sein für den lebendigen Gott. So ist die Fastenzeit als Wüstenzeit ein Durchgang zur Oase der Liebe. Gott selbst begleitet uns und er selbst ist das Ziel. Machen wir uns mutig auf, wir sind in Jesu Spuren. Gehen wir den Weg, den uns Jesus führt.

Wer die Wüste durchreitet, sieht das Leben mit anderen Augen. Wer die Fastenzeit bewusst erlebt, feiert Ostern von ganzem Herzen.

Pfarrer Josef Holtkotte, Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Mitte

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