Alles hat seine Stunde

Wort zum Sonntag, 4.2.2012, WB

Alles hat seine StundeWenn man für diese Wochen im Februar eine Urlaubsunterkunft bucht, hat man die besten Chancen, preisgünstig ein paar Tage in sonst kostspieliger Umgebung auszuspannen. Der Februar ist eben nicht heiß begehrt, ein Monat mit wenigen Besonderheiten, eher eine Zeit ohne spezielle Vorfreuden auf das nächste Highlight, Wochen mit durchschnittlicher Normalität (die Karnevalisten mögen entschuldigen…).

Die weihnachtliche Heimeligkeit ist längst vorbei, die gespannte Silvestererwartung mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr ist verblasst, und der ersehnte Frühling steht – gerade in diesen Tagen -  noch nicht mal in den Startlöchern (es sei denn, man lässt sich im Discounter schon von diversen Schoko-Eiern und –Hasen auf Ostern einstimmen… ) Was kann uns in dieser so alltäglichen Zeit bewegen?

Immerhin hat schon der biblische Prediger Kohelet vor ca. 2300 Jahren nahezu weise erklärt: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ (Kohelet 3,1) Und da scheut er sich nicht, neben der Zeit zum Gebären neuen Lebens, zum Lachen und Tanzen auch das weniger geliebte Sterben, Weinen, Klagen und vieles mehr zu benennen. Für alles eben gibt es eine Zeit.

Wenn das noch gilt, dann muss es neben einer Zeit für das Besondere und einer Zeit zum Feiern auch eine Zeit für das Alltägliche geben. Dem Himmel sei Dank dafür, denn gerade in der letzten Woche des vergangenen Jahres habe ich mich nach einer kaum enden wollenden Reihe von Feierlichkeiten (die sicher alle ausnahmslos schön waren) schließlich nach schlichter Alltäglichkeit gesehnt, denn auch das schönste Feiern ist ja nur dadurch so schön, dass es beizeiten wieder durch die Normalität abgelöst wird – so wie das Gipfelerlebnis auf dem selbst erklommenen Berg nur möglich ist, wenn man zwischendurch wieder ins Tal absteigt. Manche Zeiten sind eben wie Täler, manche wie Gipfel.

Nun, wie sieht unsere alltägliche „Tal-Normalität“ aus (wenn alles „glatt läuft“)? Wir stehen morgens auf, gehen unserer Arbeit nach, haben ansonsten ein Dach über dem Kopf, Ordentliches und Passendes anzuziehen, den Kühlschrank gefüllt, können unsere Knochen und Gelenke bewegen, ohne dass es unerträglich weh tut, zuhause und im Freundeskreis läuft alles evamarianolteeinigermaßen harmonisch, ohne größere Streitereien und Konflikte – und das alles bei entsprechendem Lebensstandard. Das ist unser Alltag, meist unreflektiert so hingenommen – solange es keine Störung gibt: Spätestens dann, wenn uns der Chef gekündigt oder der Vermieter uns vor die Tür gesetzt hat, wenn das Geld nicht mehr ausreicht für den gewohnten Lebensstandard, ordentliche Kleidung und leckeres Essen, wenn die kleinen und großen Wehwehchen kommen und nicht wieder gehen wollen, wenn der Haussegen schief hängt, wenn auf einmal nichts mehr selbstverständlich ist, was vorher war, dann erst merken wir, wie wohl das Normale und Alltägliche tat, solange es noch ungestört da war. Vielleicht ist es deshalb gar nicht so abwegig, sogar heilsam, jeden Tag dankbar auf  das Gewohnte zu schauen und es neu zu  erbitten: „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – auf dass es nie so all-täglich werden möge, dass es uns allzu selbstverständlich wird.

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Ost

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