Volkstrauertag

stacheldrahtWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 13.11.2011


Der November ist der Monat des Gedenkens:
Allerseelen, die Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. dieses Monats, Totensonntag – und: Volkstrauertag.
Ein Volk trauert. Menschen trauern um Millionen von Kriegstoten: die der Weltkriege des letzten Jahrhunderts, aber auch die der momentan geführten Kriege in der ganzen Welt. Stilles Gedenken gibt es an öffentlichen Plätzen und auf Friedhöfen. Bedeutet das noch etwas in dieser schnelllebigen Zeit, in der man all zu eifrig wieder zur Tagesordnung übergeht? Noch gibt es sie, die Kriegszeugen des 2. Weltkrieges. Noch können sie erzählen.

Bei Seelsorgebesuchen älterer Menschen ist das Thema außerordentlich häufig schon nach kurzer Zeit präsent mit seinem ganzen Spektrum: Zerstörung, Ausgebombt-Sein, Vertreibung, der Verlust naher Angehöriger: Väter, Söhne, nahe Verwandte – Nächte in Angst und Schrecken.
Wie viel Unverarbeitetes bis auf den heutigen Tag mag es da geben?
Notfallseelsorge und –begleitung gab und gibt es im Krieg nicht.
Der 2. Weltkrieg war ein totaler und er ging an keinem Menschen vorbei. Er erreichte sie überall. Und das Wort Schlachtfeld ist absolut wörtlich zu nehmen. Dort wurden Menschen brutal abgeschlachtet. Sie wurden missbraucht von totalitären Diktatoren und ihren irren Machtphantasien. Auch die großen Städte Europas wurden zum Schlachtfeld. Die Bombennächte forderten Millionen Opfer und setzten unterschiedslos alle in Angst und Schrecken. Doch niemand hat den Krieg gewonnen. Kriege lassen immer nur Verlierer zurück – auf allen Seiten. Und zurück bleiben nur Trümmer, nicht nur materielle, vor allem auch seelische.

„Nie wieder Krieg“ – das war der Ruf danach. Ist der Appell je wahr geworden?
Wir alle wissen, wie es in der heutigen Welt darum bestellt ist. Jahrzehnte lebten wir im Kalten Krieg – waffenstarrende Systeme standen sich gegenüber.

Auch der Kalte Krieg ist Krieg – und der kleinste Zündfunke konnte die größte Katastrophe auslösen. In vager Kindheits-Erinnerung habe ich noch die Kuba-Krise.
„Nie wieder Krieg“?
Wir schöpften Hoffung, als die totalitären Systeme des Ostens sich auflösten. Der Eiserne Vorhang, die Mauer von Berlin waren verschwunden. Verschwunden waren aber nicht die Kriege der Menschheit. Waffen werden produziert und auch verkauft.
Der Balkan, Irak, Afghanistan, Israel und Palästina, aber auch Syrien und Libyen – immer wieder sind wir mittendrin.

Goethes „Wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen ….“  gibt es heute nicht. Nichts ist weit – alles ist sehr nah.
Und die Nähe bedeutet: Alles geht uns etwas an – und das macht auch etwas mit unserer Verantwortung.
Kriege – und seien sie im von uns schnell vergessenen Kontinent Afrika – gehen uns etwas an.
Nie wieder Krieg?
Es macht mich traurig und betroffen, dass Menschen offensichtlich nichts lernen. Geschichte scheint keine gute Lehrerin zu sein.
Wie gehen wir damit um?
Eine Reaktion ist die des resignierten Wegsehens. Uns überschwemmen ja auch die Fernsehbilder der Kriege und des Terrors in der ganzen Welt. Attentate in Bagdad, bei denen jeweils zig Menschen sterben nehmen viele nur noch am Rande wahr.

„Was kann man denn schon tun?“ sagen Menschen.
Ein Gefühl von Ohnmacht und Pessimismus hat viele ergriffen.
Das führt häufig dazu, dass man sich in seine kleine Welt zurückzieht.
„Der Rückzug in die Innenwelt“, formulierte Andrea Riccardi, der Träger des Karlspreises der Stadt Aachen 2009,  „ist eine typische Haltung unserer Zeit, sie offenbart einen Mangel an Hoffnung.“

Können wir aber überhaupt noch Hoffnung haben? Von woher wachsen uns die Kräfte zu, dass es anders wird?

Gedenktage wie der Volkstrauertag haben eine wichtige Funktion. Trauer ist keine Resignation. Sie ist produktiv. Ein Trauergedenktag ist eine Unterbrechung des Tagesgeschäftes, der Routine und der allzu schnellen Gewöhnung.

Auch Religion ist so. Der katholische Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz sagt: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung.“
Der christliche Glaube unterbricht die Herrschaft des Todes über Menschen und Welt. Das ist seine tiefste Wahrheit und sein Kern: der Tod und die Todesstrukturen zwischen Menschen haben keine Zukunft und behalten auf Dauer nicht die Oberhand. Durch Jesu Tod und Auferstehung hat das Leben über den Tod gesiegt.

In der Tat: Hier gibt es einen Sieg, aber die Siegerin ist die Liebe, die alle Menschen verbindet. Das ist der Unterschied. Damit ist die Spirale der Gewalt zerbrochen. Das ist der Kern der Hoffnung – und damit kann alles anders werden. Hierdurch kommt Frieden als Geschenk Gottes, aber auch als Aufgabe der Menschen. Sie ist anspruchsvoll – aber beginnt mit Hoffnung, die wir nicht aus uns selber haben.
Im Buch Numeri des Alten Testaments ist uns der sogenannte Aaronitische Segen überliefert. Er stehe über uns, damit wir anders leben:
„Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

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