...wie kann man den Himmel kaufen...

himmel2Wort zum Sonntag, 02.10.2011, WB


Als 1855 der Indianerhäuptling Seattle aufgefordert wurde, das Land seines Stammes an die Weißen zu verkaufen, gab er an den Präsidenten der Vereinigten Staaten in einer Rede seine Meinung dazu ab. Dabei soll er folgendes gesagt haben: „Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht, dass er unser Land zu kaufen wünscht. Wir werden sein Angebot bedenken, denn wir wissen: wenn wir nicht verkaufen, kommt vielleicht der weiße Mann mit Gewehren und nimmt sich unser Land.

Doch: wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen oder die Wärme der Erde? Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig: Jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig – in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes – Wir wissen, dass der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen; denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste.

Doch: was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Die Erde ist unsere Mutter. Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Der weiße Mann glaubt, er sei schon Gott –dem doch die Erde gehört. Diese Erde aber ist Gott heilig.“

Soweit Häuptling Seattle.

Wir feiern Erntedank – wie jedes Jahr. Und doch nicht mehr so wie früher. Vieles ist anders geworden. Wir haben erlebt, wie die Mutter Erde krank geworden ist. „Alles, was die Erde befällt, befällt aber auch den Menschen“, meinte Häuptling Seattle. Wie recht sollte er bekommen in unseren Tagen.
So wird Erntedank ein Besinnungstag. Wir besinnen uns auf das Geschenk Gottes an uns Menschen, das wir mit der Schöpfung haben. Erntedank wird zur Aufforderung. Wir werden aufgefordert die Natur zu achten und sorgsam mit der Mutter Erde umzugehen. Alle Ausbeutung und alle Vernichtung der Kräfte der Natur zu vermeiden.
Der Erntedanktag gibt uns aber auch Anlass, über das ´Danken´ nachzudenken. Uns ist alles so selbstverständlich – das Danken fällt uns oft schwer.
Aber: Dankbarkeit ist eine typisch menschliche Haltung.
Dankbarkeit bedeutet: Ich weiß, dass ich nicht alles allein kann.
Dankbarkeit bedeutet: Ich bin auf den anderen angewiesen.
Dankbarkeit bedeutet: Ich weiß, dass letztlich alles von Gott kommt.
Dankbarkeit setzt voraus, dass ich offen bin: Offen für den anderen und offen für Gott. Dass ich nichts als selbstverständlich annehme, auch nicht die Selbstverständlichkeiten des Alltags. Dankbarkeit bedeutet: Ich erkenne an, dass ein anderer mir die Kraft zu meinem Tun gab. Und damit bedeutet Dankbarkeit zugleich auch Anerkennung der Größe und Liebe Gottes. Ich sehe meine Verlegenheit an als die große Gelegenheit Gottes; ich mache meine eigene Ohnmacht zur Grundlage von Gottes Allmacht.

josefholtkotteEs liegt ein gewisser Ernst über der Feier des Erntedankfestes, denn die Erde, die uns anvertraut ist und auch die Dankbarkeit erfordern Verantwortung. Eine Verantwortung, die in Taten und konkrete Hilfen umgesetzt werden will. Das Erntedankfest bringt uns in Erinnerung, dass unsere Erde göttlicher Bereich ist, ein Entscheidungsfeld von Zeit und Ewigkeit.
Indem Gottes Sohn Mensch geworden ist auf dieser Erde, hat er sich ganz zur ihr und zu den Menschen bekannt. Deshalb sind wir eingeladen, uns ganz zu Gott zu bekennen, voller Dankbarkeit ihm und seiner Schöpfung gegenüber – Und: Unsere Erde ist die Materie, aus der Gott einmal das Neue, das Endgültige schaffen wird: den neuen Himmel, die neue Erde.
So ist jedes Erntedankfest ein Hinweis auf die Vollendung der Welt, auf die Ewigkeit. Auf das große Fest Gottes am Ende der Zeit.

Pfarrer Josef Holtkotte, Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Mitte

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