inter - esse

Geistliches Wort zum Aktionstag des Dekanatspastoralrates am 16.7.2011


inter_esseVor kurzem bekam ich eine Projektbeschreibung, die aus der Deutschen Bischofskonferenz kam, in die Hand. Das Projekt lautete„Kirche findet Stadt.“ Ein interessantes Wortspiel. Natürlich findet Kirche in unseren Kirchengemeinden statt, auch!

Aber gemeint war hier: dass die Kirche die Stadt findet. Und möglicherweise wird hintergründig mit vermittelt, dass Kirche künftig dann stattfindet, wenn Stadt und Kirche mehr zusammenkommen und nicht nebeneinander herlaufen, isoliert voneinander sind.

Als am letzten Sonntag das 500jährige Jubiläum mit einem Pontifikalamt in St. Jodokus gefeiert wurde, forderte Oberbürgermeister Pit Clausen die katholische Kirche auf, sich auch kritisch in die Stadtpolitik und die Stadtgesellschaft einzumischen.
Was haben wir Christen mit der Stadt zu tun.

Warum machen wir uns heute Morgen auf den Weg in die Stadt und bleiben nicht einfach da, wo wir sind?
Was gehen uns eigentlich diese Menschen an, die uns begegnen – und die wir vermutlich nicht in unsere Gottesdienste lotsen werden?

Ein Schlüsselwort dafür ist das Wort „Interesse“.
Nun ja, könnte man sagen, was interessieren uns Menschen, die von denen wir nicht wissen, ob sie katholisch, evangelisch, orthodox sind oder ob sie überhaupt etwas sind?
Das Wort Interesse aber geht darüber hinaus – es ist ein theologisches Wort – das mag zunächst überraschen.
Inter - esse -  aus dem lateinischen heißt: „Dazwischen-Sein“. Mittendrin sein.
Der Pastoraltheologe Karl-Heinz Schmitt sagt: Interesse ist der Name Gottes.

Als Gott sich dem Mose am Dornbusch in der Wüste offenbarte, fragte Mose ihn nach seinem Namen:
„Ich bin der. Ich bin da.“ Martin Buber übersetzt: „Ich bin da, wo ihr seid.“ Gott ist da, wo wir sind. Gott ist da, wo die Menschen sind. -inter-esse: Dazwischen sein. Gott ist mitten dazwischen. Das ist sein Name.
Und Gott, so Karl-Heinz Schmitt, hat kein religiöses Interesse am Menschen. Er hat Interesse am Menschen – weil der Mensch Gottes Abbild ist.
„Deshalb“, so das Buch Exodus weiter, „bin ich – so sagt Gott – „herabgestiegen“, weil ich das Elend meines Volkes gesehen habe.“
Gott steigt herab bis in die Not, das Elend der Menschen.
Deshalb hat Gott seinen Sohn gesandt. „Er hat Fleisch angenommen und unter uns gewohnt.“

Gott wohnt unter uns.
Jesus hat das verwirklicht. Er war ständig unterwegs – auf Straßen und Plätzen, in den Häusern.

Er war dazwischen: Interesse.
Wir sind, als Kirche, Leib Christi – ein Widerhall des Gottesgeschehens unter den Menschen.
Das hat die Stadt mit uns Christen zu tun. Deshalb: Kirche findet statt.

Die meisten wissen, ich bin Mitglied der Gemeinschaft Sant`Egidio.
Begonnen hat diese Gemeinschaft damit, dass in den Umbruchsituationen von Kirche und Gesellschaft im Jahr 1968 junge Menschen in Rom fragten: „Wie können wir in unserer turbulenten und spannenden Zeit den Glauben leben?“
Sie begannen damit, zunächst die Bibel zu befragen – für Christen ein sehr logischer Weg. Tag für Tag trafen sie sich im kleinen Kloster Sant`Egidio im römischen Trastevere zum Gebet und Lesen der Heiligen Schrift. Bei dieser Lektüre und im Gebet spürten sie, dass diese Texte sie hinauslockten.

Die jungen Leute schnappten sich ihre motorini – diese kleinen Motorräder, mit denen man so gut durch den brutalen römischen Stadtverkehr jonglieren konnte, um sich die Stadt anzusehen: wie die Menschen lebten, wie es ihnen ging. In den Borgate, den Vorstädten, trafen sie auf ihre Aufgabe und ihre Berufung.

Sie sahen in diesen riesigen sozialen Brennpunkten die Menschen auf der Straße, die Jugendlichen, die herumlungerten, die Gewalt, die dort herrschte. Hier begann ihre Freundschaft mit den Armen, sie kannten das Evangelium und entdeckten an den Stadträndern von Rom das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Wir gehen heute kleine Schritte in die Stadt – um sensibel zu werden – für die Menschen, denen wir begegnen. Vielleicht nehmen wir den Gottesnamen mit: Jahwe: Ich bin da, wo ihr seid – Inter-esse -  Gott ist dazwischen.


Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

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