Über den Augenblick hinaus...

Wort zum Sonntag, 09.07.2011, WB


wortWenn wir von Gottes Wort sprechen, meinen wir den Inhalt der Bibel. Gottes Wort wird uns in den Gottesdiensten, z.B. in der Predigt verkündet; es wirkt und bewirkt; es mahnt und fordert auf; es beschreibt uns das Reich Gottes und verkündet den Glauben. Gott will durch sein Wort unser Leben bereichern und verändern.

Schauen wir also auf das Wort Gottes.
Vom evangelischen König Christian VIII. von Dänemark (1839-1848) wurde folgende Verfügung erlassen: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass immer mehr Hörer bei der sonntäglichen Predigt in Schlaf versinken. Daher ordnen wir allergnädigst an, dass bei jedem Gottesdienst ältere Männer mit langen Stangen in der Kirche auf und ab gehen und mit einer Klatsche allen, die einschlafen, auf den Kopf schlagen, um so die gebotene andächtige Aufmerksamkeit zu erwirken.“
Diese durchschlagende Methode half vielleicht die Köpfe hochzuhalten, ob sie aber die Herzen für Gottes Wort aufschloss? Was bedeutet uns das Wort Gottes?

Während des zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) wurde jeden Morgen am Beginn der Sitzung ein kostbares Evangeliar in einer feierlichen Prozession zur Mitte der Versammlung getragen und auf einem eigenen Altartisch niedergelegt. Ein unübersehbarer Hinweis, dass es sich bei der Bibel nicht einfach um ein „schlaues Buch“ handelt, sondern dass Gott, dass Jesus Christus selbst mit und in seinem Wort lebendig gegenwärtig ist. Die Jünger Jesu hatten zutiefst gespürt: „Er spricht wie einer, der Macht hat.“ Sie zogen nach seinem Tod und seiner Auferstehung in die ganze damals bekannte Welt, um sein Wort weiterzutragen. Sie waren davon überzeugt, dass der lebendige Gott durch sie spricht. Die heutigen Verkünder können Gottes Wort nur glaubwürdig weitersagen, wenn es sie selbst bewegt hat. Das Wort Gottes darf nicht nur in langweilige Arbeitspapiere umgesetzt werden, die kein Mensch liest. Es verträgt auch keine endlosen Konferenzen und Sitzungen kirchlicher Beratungsgremien, in denen bei der Begegnung mit diesem Wort nicht „das Herz brennt“.
Gottes Wort braucht aufmerksame Hörer, die sich ansprechen und treffen lassen. Darum reicht es nicht, die Lesung oder das Evangelium mit den Scheuklappen der Gewohnheit anzuhören oder sich auf den Kirchenschlaf der Gerechten einzustellen. Ich muss mich ganz persönlich diesem Wort aussetzen: Ich bin gemeint – und nicht nur mein Nachbar! Zumindest ein Satz aus den biblischen Texten, die beim Gottesdienst vorgetragen werden, ein Gedanke der Predigt, ein Wort eines Liedes oder Gebetes sollte mich über den Augenblick hinaus beschäftigen. Vor allem sollte mich die Frage nicht loslassen, ob ich grundsätzlich bereit bin, das Wort Gottes überhaupt zu hören. Ist es mir bewusst, dass es der lebendige Gott ist, der auch heute durch sein Wort zu mir spricht?

josefholtkotteZu allen Zeiten haben Menschen gespürt, dass Gottes Wort das Leben zutiefst verändern will und kann. Der morgige Sonntag lädt ein, Gottes Wort Raum zu geben. Sich selbst zu fragen: Was bedeutet für mich das Wort Gottes? Wie wirkt es auf mich? Lasse ich das Wort Gottes in mir wachsen? Gibt es in meinem Leben Begeisterung für Gottes Wort, deren Tragfähigkeit in meinen Alltag hineinreicht? Erinnere ich mich daran, dass es nicht um den Schlaf der Sicherheit geht, sondern um die Veränderung meines Lebens in Gottes Namen?

Jeder Gottesdienst lädt zu solcher Veränderung ein. Jesus Christus selbst gibt die Kraft. Wir sind eingeladen ihn zu verstehen, im Glauben zu erfassen, aus seiner Botschaft zu handeln, unser Leben nach seinem Wort zu gestalten. Dann kann Gottes Wort wirken, jetzt, heute, konkret.

Pfarrer Josef Holtkotte, Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Mitte

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