Pfingstnovene

FeuerUm den Geist Gottes bitten!
Das tun Christen seit den frühesten Zeiten des Christentums. An neun Tagen vor Pfingsten ganz besonders: es ist die sogenannte Pfingstnovene (von lateinisch „novem”: neun).
„Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu“.

Die Pfingstnovene geht zurück auf das, was in der Lesung des Sonntags vor Pfingsten geschildert wird. Nach der Himmelfahrt Christi kehrten die Jünger vom Ölberg zurück nach Jerusalem. „Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig lebten… Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu und mit seinen Brüdern.“ (Apg 1,12ff).

Warum aber um den Geist Gottes bitten? Ist das nicht Untätigkeit und vertane Zeit, in der man ja auch vieles andere tun könnte?
Waren die Jünger mit den Frauen und Maria nicht selbst dran, die Kirche und die Welt zu gestalten, statt den Raum nicht mehr zu verlassen? Ist das nicht Flucht vor der Welt? Den Christen ist das ja häufig genug vorgehalten worden, die „böse Welt“ zu fliehen und sich auf eine heile Insel zurückzuziehen. „Die Welt die mag nun fahren, mit ihrer Lust und Pracht, in ihr sind nur Gefahren, nichts was mich selig macht.“

Es war in der Tat von Anfang an eine Versuchung, zwischen Glauben und Welt einen deutlichen Trennstrich zu ziehen.
Die christliche Hoffnung wird jedoch dadurch halbiert, sie umfasst nicht mehr den ganzen Menschen und lässt diese Welt außen vor. Was bleibt, ist die Sehnsucht der weltflüchtigen Seele nach sicherer Geborgenheit. Nichts anderes zählt dann mehr. Das aber ist nicht mehr christlich.

Es gibt aber auch die gegenteilige Gefahr: und der unterliegen wir heute sehr viel häufiger. Wir nehmen die Sache selbst in die Hand und lassen Gott und seinen Geist außen vor. Wir gestalten die Kirche und die Welt nach unseren Maßstäben.
Was aber dann dabei herauskommt, diese Ergebnisse liegen offen vor uns: die Welt ist zerrissen durch Kriege und Ungerechtigkeiten und dadurch eine ungleiche Verteilung der Güter. Hier ist nicht mehr Gottes Geist am Werk „sondern der Geist des auf sich selbst gestellten Menschen. Der Mensch ist dabei, die Erde und die Schöpfung zu zerstören – und das aus Eigeninteresse. Das Wort Krieg hängt mit dem Wort „Kriegen“ eng zusammen.
Wo der Geist Gottes nicht zugelassen wird, da herrscht oft genug der Ungeist des Menschen. Auch da kennt die Weisheit der Bibel eine alte, aber immer noch wahre Geschichte: Die Menschen sagten: „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde erstreuen.“ (Gen. 11,4)

Das ist nichts anderes als das was wir schon einige Kapitel vorher lesen können Der Mensch erliegt der Versuchung, wie Gott sein zu können und klug zu werden (Gen 3)

Das aber hat eine Konsequenz: In einem Fall ist es die Vertreibung aus dem Paradies und in dem anderen die Zerstreuung über die ganze Erde und die Verwirrung der Sprache.
Ist das alte Bild nicht ein ganz aktuelles? Die Erde ist alles andere als ein Paradies und die Menschen bleiben im Unverständnis füreinander. Irrsal und Wirrsal (oder hebräisch „Tohuwabohu“)  ist die Folge, wenn der Mensch so sein will wie Gott und sich selbst einen Namen machen will. Dann gibt es Ungeist.

Deshalb ist es sehr notwendig, um Gottes guten Geist zu bitten: „Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu.“ Was dann geschieht, wenn Gott seinen Geist sendet, beschreibt der Pfingstbericht: „Jeder hörte sie (die Jünger) in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen.“ (Apg 2,6) Und  dann wird die Vielfalt der in Jerusalem anwesenden Völker geschildert. Auch hier liegt das Ergebnis offen vor uns: Alle verstehen sich. Gottes große Taten werden verkündet. Der Pfingstbericht ist die heilsame Gegengeschichte zum Turmbau zu Babel: statt Zerstreuung gibt es neue Sammlung in einer multikulturellen Versammlung von Menschen.

Niemand braucht sich mehr gegen die jeweils anderen einen Namen zu machen. Denn allen wird deutlich: Wir haben vor Gott schon einen Namen – jeder – in aller Unterschiedlichkeit – und das bereichert alle. Da schwindet die Angst vor dem Gegeneinander und macht einen Für– und Miteinander Platz. Eine irreale Vision, eine Illusion? Für Skeptiker sicher, für Glaubende nicht.

„Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.“

Es ist heilsam, um Gottes Geist zu bitten.klausfussy
Große Erneuerer sind oft auch große Beter, die aus der Kraft des Gebetes Welt gestalten.
Mit dem „Ora et labora“ – dem „Bete und arbeite“,  jenem gleichmäßigen Rhythmus aus beidem haben die Benediktiner Europa kultiviert. „Dem Gotteslob ist nichts vorzuziehen“, schreibt Benedikt in seiner Mönchsregel.

Die junge Gemeinde hat als erstes um Gottes Geist gebetet. Als er kam, kam mit ihm auch der Friede zwischen den Menschen.
Die Pfingstnovene ist heute aktueller denn je.


Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

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