An wen glaubt ihr eigentlich?

Wort zum Sonntag, 21.5.2011, WB


heiligenschein„An wen glaubt ihr eigentlich“,  fragte ich kürzlich die Kinder im Religionsunterricht:  „An Gott, Jesus und Maria“, kam es wie „aus der Pistole geschossen.“

Typisch katholisch, so mag man bemerken, dass Maria in einem Atemzug mit Gott Vater und Sohn genannt wird. Nun -  gerade diese Zeit bietet sich an, die Mutter Jesu mit ihrem Kind genauer in den Blick zu nehmen, gilt bei den Katholiken der Mai doch als „Marienmonat“, bei uns allen als der Monat des kraftvollen Aufblühens von neuem Leben, in welchem wir auch den Muttertag feiern

 

Denken wir also nach: Welche Vorstellungen verbinden wir zunächst mit der „Mutter Gottes“?  Die von der strahlenumgebenen Jungfrau und Himmelskönigin oder eher der treusorgenden Mutter – mit allen Höhen und Tiefen, Schwächen und Stärken ihres Mutter-Seins?

1926 hat der Surrealist Max Ernst mit seinem Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Èluard und dem Maler“ sämtliche bis dato geltenden und liebgewonnenen Vorstellungen und Traditionen von „Mutter Gottes“ über den Haufen geworfen. Bisher galt Maria als strahlengekrönte Himmelskönigin, reine Jungfrau und milde Mutter. Aber was sieht nun der Betrachter des Bildes? Maria hat ihr nackt entblößtes Kind bäuchlings „über’s Knie gelegt“,  gerade holte sie weit aus, um dem Jesuskind einen kräftigen Hieb zu verpassen. Hinten stehen drei Personen  – wohl die genannten Zeugen.  Mutter und Kind haben einen zerbrechlich aussehenden Heiligenschein.  Genauer gesagt: Maria trägt ihn über dem Kopf, während der des kleinen Jesus gerade eben herunter gefallen ist. Ohne Zweifel kein Kunstwerk, für das man sich auf Anhieb begeistern mag, schon gar nicht als betender Verehrer Mariens. Mit der herzlich-warmen Stall-Idylle von Weihnachten hat diese Szene nun gar nichts mehr gemeinsam.

Für die damalige katholische Welt war das Bild ein Skandal – für den amtierenden Bischof Grund genug, den Künstler zu exkommunizieren.

Auf den ersten Blick scheint Max Ernst mit seinem  Gemälde ausschließlich ein provokantes Marienbild zu entwerfen: Er stellt Maria dar als die ganz andere, als die Mutter, die in einem Anfall von Zorn oder gar  Hilflosigkeit die Beherrschung verliert und ihr Kind verhaut. Sicher ein Verhalten, das uns zu recht befremdet.

Dann aber sollten wir weiter schauen – auf den kleinen Jesus:

Das, was an diesem Gemälde für Aufruhr sorgte, war nicht in erster Linie die Darstellung der züchtigenden Mutter (vielleicht war insgeheim sogar so manche Zeitgenössin froh, dass auf diese Weise jemand wagte, indirekt die Nöte der Erziehenden zu benennen…), sondern vielmehr das Herabfallen des Heiligenscheins, welcher in den Augen der Öffentlichkeit ein „Entheiligen“ des Erlösers zum Ausdruck und dem Künstler den Vorwurf von Blasphemie brachte.

Lassen Sie uns ein wenig fantasieren. Was wäre, wenn es so war: Mitten hinein  in eine Welt von Gesetzen, Regeln und Geboten, deren Einhaltung jemanden als „heilig“ auswies,  tauchte der Menschensohn ein, um diese kranke Welt zu heilen, mit der frohen  evamarianolteBotschaft, dass Gott alle Menschen gleichermaßen liebt – sogar die „Unheiligen“.  Das, was er später beginnt öffentlich zu verkünden, das hat er natürlich schon als kleiner Junge  verkörpert – und das brachte seine Familie, seine Nachbarn,… in Zorn und Rage, denn sie waren noch nicht reif für diese Botschaft, auch nicht Maria, die erst an ihrem Gotteskind wachsen musste. Da ist ihr vor Verzweiflung schon mal die Hand ausgerutscht. Und das, was abfiel, das war nur der „Schein vom Heiligen“  (den Jesus eigentlich schon längst abgelegt hatte, als er den ersten Fuß in diese Welt gesetzt hat) Seine wirkliche Heiligkeit, das was ihn als Gottes Sohn auszeichnet, die lässt sich wahrlich nicht herunterschmeißen.

Gewiss ist das Gemälde von Max Ernst kein Andachtsbild, es ist provokant, anstößig und will anstoßen, nämlich die Vorstellung von der heiligen Maria und ihrem Gotteskind neu in den Blick zu nehmen. Und dazu ist jetzt eine gute Zeit.

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Ost

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