Judas Ischariot

Römische MünzeWort zum Sonntag, 10.3.2011, WB


 Verräter oder Person der Heilsgeschichte ?

Dieser Judas ist zweifellos eine der dunkelsten und fragwürdigsten  Erscheinungen des Neuen Testamentes - auf der einen Seite ist er der, der Jesus verraten und ausgeliefert hat - und auf der anderen Seite ist er aber auch eine ganz wichtige Person der Heilsgeschichte - Jesus ist ja nach seinen eigenen Worten auf die Welt gekommen um die Gesetze zu erfüllen - und nicht um sie aufzuheben - und genau dieses Handeln des Judas Ischariot  offenbart doch ganz und gar die göttliche Vorbestimmung, die bis ins kleinste Detail in den Schriften des alten Testamentes festgelegt ist. Sein Leben, sein Handeln - und auch sein schreckliches Ende sind tatsächlich die absolute und genaue Erfüllung dieser göttlichen Heilsplanung.

Wie wäre denn die Heilsgeschichte Gottes verlaufen, wenn Judas den Gottessohn nicht verraten hätte?
Ist Judas nun wirklich ein Erfüllungsgehilfe Gottes, oder ist er - wie auch Jesus sagt - tatsächlich ein heimtückischer Verräter?

Nun, an der entsprechenden Stelle in der Bibel gibt es einen -  auch von der katholischen Kirche anerkannten - Übersetzungsfehler. Dort wird nämlich das Wort „ Paradidonai“ mit „Verrat“ übersetzt - in Wirklichkeit heißt dieses Wort aber: „Übergeben“  oder „sich ausliefern“. So stehen wir jetzt also vor der Frage: Wo ist denn der Unterschied zwischen „Verrat“ und „Ausliefern“?  Gibt es da überhaupt einen Unterschied ? Nun, der Verrat setzt ja eine Handlung voraus, die dem Verratenen großen Schaden zufügt - und sogar dessen Tod zumindest billigend in Kauf nimmt, dem Verräter aber aus niederen Beweggründen – sei es nun aus Geldgier oder auch aus Rache – eine echte Befriedigung verschafft. Wenn wir also annehmen, dass Judas den Jesus wegen der 30 Silberlinge  - also aus Geldgier - ganz bewußt verrät, warum will er das Geld denn kurze Zeit später dem Hohen Rat wieder zurück geben - und als der das ablehnt - warum wirft er das Geld dann einfach weg ? 
Das erscheint mir nun wirklich keinen rechten Sinn zu ergeben. Und falls Judas - der höchstwahrscheinlich zu der Gruppierung der Zeloten gehört - Jesus aber aus reiner Rache verrät, weil dieser eben nicht dem bewaffneten Aufstand der Zeloten gegen die verhassten Römer zustimmt – sondern ganz im Gegenteil sogar die Gewaltlosigkeit predigt  -  warum erhängt er sich dann - vielleicht deshalb, weil er Jesus ausgeschaltet hat? - Nein - natürlich muss er ihn doch für den Befreiungskampf Israels opfern - schließlich ist er für ihn doch ein Verräter an der Sache Israels. Ich glaube, daß sind alles nicht die wirklichen Gründe, die Judas dazu veranlassen, Jesus auszuliefern. Ich glaube eher, daß er ihm eine Gelegenheit ermöglichen will -  eine Gelegenheit, die Jesus bis dahin absolut verwehrt wurde -  nämlich  seine Religionsphilosophie einmal in Ruhe vor dem Hohen Rat darzulegen - und als dann alles schief läuft, und man Jesus wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt, da ist Judas so verzweifelt, daß er sich selbst das Leben nimmt.
Die andere Möglichkeit ist, daß Judas den Jesus ausliefert, damit dieser gezwungen ist, den geistlichen und staatlichen Machthabern seine göttliche Macht und Herrlichkeit zu beweisen -  zu beweisen, das er wahrhaftig  der Sohn Gottes ist. Doch als Judas sieht, daß Jesus sich nicht wehrt und nicht seine Macht gebraucht - ja, das Jesus sich zum Tode verurteilen läßt, da zerbricht er innerlich und erhängt sich. Offensichtlich will Judas nämlich wirklich nicht den Tod des Herrn -  will nicht, dass man ihn quält und an das Kreuz schlägt - nein er will im Tempel doch nur die Anerkennung Jesu als den Messias durch den Hohen Rat erreichen. Also, worin aber besteht denn nun der eigentliche Verrat des Judas ? Nun, auf ihn trifft genau das zu, was Jesus auch dem Petrus ja schon gesagt hat: „Du Satan, du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“

Der Judas will dem Jesus wahrscheinlich absolut nichts Böses - sondern er will ihm sogar einen Gefallen tun,  aber - und das ist das Entscheidende - nicht Gottes Wille - sondern seine eigenen Motive und Wünsche - sein eigenes Wollen, stehen dabei im Vordergrund seines Handelns - und genau dadurch wird er zum Verräter an dem göttlichen Heilsplan.
Ist es nicht schon fast paradox, daß durch den Verrat des Judas trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - der Heilsplan Gottes erfüllt wird - das nämlich durch das Todesurteil die Entwicklung zu Kreuzigung und Auferstehung seinen Lauf nimmt - und nicht etwa die Erlösung durch die erhoffte Anerkennung des Messias im Tempel zu Jerusalem. Kann unser menschlicher Verstand es überhaupt fassen, dass sich alles Weltgeschehen bis ins kleinste Detail hinein nach dem genau festgelegten und unabänderlichen Heilsplan Gottes vollzieht?

Diakon Michael Albrecht, Pastoralverbunde Schildesche-Jöllenbeck

Drucken E-Mail

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.