Advent heißt Wachen und Warten

Wort zum Sonntag, 18.10.2010, WB


Das ganze Leben ist ein Wartesaal. Wir warten überall – von Anfang bis zum Ende. Wir warten im (der Name verrät es schon) Wartezimmer des Arztes, bis wir drankommen. Wir warten auf den Bus, die Straßenbahn, den Zug. Wir warten an der Kasse im Supermarkt. Wir waren auf unseren Besuch.

Am Telefon geraten wir in Warteschleifen. Häufig erwarten wir auch etwas – von uns selbst und von anderen. Manches Mal sind die Erwartungen zu hoch gegriffen. Das enttäuscht, wenn sich Erwartungen dann nicht erfüllen. Warten ist eine Grunderfahrung des Lebens – und will doch eingeübt sein. Viele sind zu ungeduldig. Sie können einfach nicht abwarten. Dann drängen sie sich vor – manchmal an der Fleischtheke, manchmal im Stau auf der Autobahn: da werden dann Standsteifen zu Rechtsüberholspuren. Geringstenfalls führt das zu Unmut und Ärger. Manchmal habe ich den Eindruck, viele Menschen erfasst die Ungeduld gerade in der Zeit vor Weihnachten. Und je näher das Fest heranrückt, umso mehr.
Mitten im November schon werden in unseren Städten Weihnachtsbäume aufgestellt. Aber allerspätestens mit dem 1. Advent weihnachtet es überall. Kein Rundfunksender ohne „Jingle Bells“ und andere Weihnachtsschlager. Gewiss hat dies auch mit der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes zu tun. Schließlich will man verkaufen. Aber es ist eben nicht nur das: Obwohl das Warten eine Grunderfahrung des Lebens ist, können viele es nicht. Warum können sie nicht stehenbleiben, ausharren?
Mir scheint, dies hat tiefere Gründe. „Das ganze Unglück des Menschen rührt allein daher, dass er nicht ruhig in einem Zimmer bleiben kann“, hat der Physiker und Philosoph Blaise Pascal einmal gesagt. Wenn ich allein mit mir in einem Zimmer bleibe, dann begegne ich mir selbst, auch meinen Tiefen und Untiefen. Das auszuhalten ist nicht leicht und die Gefahr oder die Versuchung zu flüchten ist zu groß. Können viele deswegen nicht stehenbleiben, warten, ausharren? Übertönt deshalb der Weihnachtsrummel vor und mitten im Advent die Stille? Doch Menschen, so meint jedenfalls Pascal, werden dann nicht glücklich, wenn sie nicht bei sich bleiben können.

Der Advent meint das auch.
Die großen adventlichen Gestalten der Bibel, die Propheten, Johannes der Täufer sind deshalb in die Wüste gegangen. Die Stille der Wüste macht einen Menschen nicht nur empfänglich für sich selbst, sondern auch für Gott. Gott ist nicht laut, seine Stimme ist eine leise Stimme. Als der Prophet Elija am Gottesberg Horeb angekommen war, erscheint ihm Gott. Aber Gott war nicht im starken und heftigen Sturm, „der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach“. Gott war auch nicht im Erdbeben und nicht im Feuer – also nicht in machtvollen und spektakulären Zeichen. „Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.“ (1 Kön 19,11-13).
Gottes Stimme ist in den vielen lauten Stimmen leicht zu überhören. Der Advent ist deshalb eine Wüstenzeit, eine Zeit des Wachens und des Warten, eine Zeit aufmerksamer zu werden für sich selbst und für diesen Gott, damit wir seine leisen Zeichen nicht überhören. Die Propheten haben nach allem Warten und Wachen in der Wüste die Stimme Gottes vernommen und sie zu den Menschen getragen. Beispielhaft sei hier das Buch Jesaja zitiert: „Man wird die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes. Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest. Sag den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht. Seht hier ist euer Gott. Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; er selbst wird kommen und euch erretten. Dann werden die Augen der Blinden wieder aufgetan, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf,“ (Jes 35, 2a-6).
klausfussyAuf diese Weise brechen in der Wüste Quellen hervor. Wahrhaft eine Heilsbotschaft!
Diese leise Stimme Gottes aus der Wüste, die sein machtvolles Handeln zum Heil der Menschen ankündigt, zeigt sich auch im Kommen des Gottessohnes auf diese Erde. Auch er kommt leise. Er ist nicht in ein Prachtgewand gekleidet, sondern kommt als Kind. Außerhalb der Stadt Bethlehem wird er geboren – mitten in der judäischen Wüste. Er ist leicht zu übersehen. Deshalb muss man seine Sinne geschärft haben, aufmerksam leben, wachsam sein. Deshalb braucht es den Advent, die Zeit des Wachens und des Wartens.

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

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