Warten ist out

Wort zum Sonntag, 27.11.2010, WB


Vor einiger Zeit wurde eine Fußgängerbrücke, die bei Bielefeld über die A2 führte, so schwer beschädigt, dass  sie noch am selben Tag abgetragen werden musste. Die Autobahn blieb stundenlang gesperrt, und es kam rundherum zum Verkehrschaos. Als ich an diesem Donnerstag-Abend auf der Fahrt von Paderborn nach Bielefeld in den Stau geriet, spulte sich bei mir zunächst – wie vermutlich zeitgleich in den Köpfen von Hunderten anderer PKW-Fahrer auch – das Übliche ab: in Stress geraten, sich ärgern, vor sich hinschimpfen, per Handy die nicht mehr zu erreichenden Abendtermine absagen….

Doch wenn man schließlich feststellt, dass man Verabredungen sowieso nicht mehr einhalten kann und die entscheidenden Kontaktpersonen erreicht sind, dann macht sich eine gewisse Gelassenheit breit, denn man kann nichts – aber auch gar nichts - an der Situation ändern. Und plötzlich hat man viel Zeit: 2 Stunden, unverplant und frisch gewonnen, die einem niemand nehmen kann.
Wie sehr uns die Zeit im Griff hat, bringt eine gezeichnete Karikatur zum Ausdruck: Sie zeigt einen hilflos dreinschauenden Menschen, der an Händen und Füßen durch große Armbanduhren gefesselt ist. Genau das erleben wir in nahezu allen unseren Lebensbereichen: Wir sind durch Zeit und Termine - fast versklavt - gebunden. (Dennoch müssen wir wohl zugeben, dass eine gewisse Zeitstruktur, verknüpft mit einer  verbindlichen Terminverpflichtung sicher eine Notwendigkeit unseres Lebens ist.) Schon die Schulkinder fragen ungeduldig in der Stunde: „Wie spät ist es? Wie lange noch?“ Ich gebe darüber regelmäßig keine Auskunft, denn als Kind habe ich es einmal gewagt, während meines Klavierunterrichts ungeduldig auf meine Armbanduhr zu schauen, um abzuchecken, wie lange die Stunde noch dauern würde. Das wagte jeder der Klavierschüler höchstens ein einziges Mal während der Jahre des Unterrichts, denn unsere Klavierlehrerin verlangte daraufhin, sofort die Uhr abzulegen und damit auch die Ungeduld und die Unhöflichkeit, die sie im „auf-die-Zeit-Sehen“ sah.
Wenn wir uns umschauen, stellen wir fest: Warten ist einfach „out“ - wenn beispielsweise Kinder beim Einkaufen - noch vor dem Bezahlen - die eine oder andere ersehnte Gaumenfreude auspacken und sogleich verspeisen. Die Kassiererin rechnet dann nur noch das Eispapier ab, nicht aber mehr den Inhalt, der vor lauter Lust längst mit dem Magen verschmolzen ist.
Und weil Weihnachtsbeleuchtung und co so schön heimelig sind, lassen wir sie möglichst schon vor dem 1. Advent in voller Pracht erstrahlen. (Dafür muss das Ganze noch vor Silvester wieder verschwinden, weil man es nicht mehr sehen mag und die Tannen-Deko nach 6 Wochen schließlich abrieselt.) evamarianolteIn diese unsere gehetzte Unruhe und in unser Unvermögen zu warten  bricht mit dem morgigen Sonntag der Advent herein, in dem eigentlich nichts wichtiger sein kann, als die Geburt des Gottessohnes, des von Raum und Zeit Unabhängigen, in unserer Welt zu erwarten; Wie das Wort zeigt, verlangt das „Erwarten“ die Fähigkeit warten zu können. Und dies ist weitestgehend eine Angelegenheit der Gelassenheit, der Unabhängigkeit von Zwängen und Fesseln. Nur wer frei ist, wer (in Vorfreude auf das Kommende und den Kommenden) Triebaufschub leisten kann, der kann warten – und er-warten.
Der beginnende Advent, die Zeit des allmählichen Ankommens und heller Werdens und eben die des Wartens möge uns Anlass sein, die eine oder andere Fessel, die uns schon lange bewegungsunfähig macht, abzulegen, um dann Sonntag für Sonntag, Woche für Woche ein Stück freier zu werden – für Weihnachten. Und übrigens: Maria musste nach dem Besuch des Engels noch 40 „schwangere Wochen“ lang auf den kleinen Jesus warten, also ungefähr zehnmal so lange wie unsere heutige Adventszeit dauert. Und das war gut so. Was hindert uns daran, dem Christuskind für sein Ankommen in dieser unserer Welt wenigstens vier Wochen in „froher Erwartung“ zuzugestehen und uns das „Oh, du fröhliche“ für seinen Geburtstag aufzusparen?

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Ost

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