Mut

Wort zum Sonntag, 06.11.2010, WB


„Es fordert manchmal mehr Mut,
seine Ansicht zu ändern,
als an ihr festzuhalten.“
(Friedrich Hebbel)

Saulus wird zum Paulus. Ein Mensch verändert seine Meinung. Alte Positionen werden überdacht, grundlegende Haltungen werden überprüft. Konsequenzen werden gezogen. Für den zum Glauben an Christus bekehrten Paulus ist es nicht leicht, an die Gemeinde von Jerusalem Anschluss zu finden. Das Misstrauen ist groß. Ist dies nicht der Saulus? Wir kennen ihn als den, der die Christen verfolgt hat, der sogar für den Tod von Christen verantwortlich ist. Und jetzt will er zu uns gehören? Eine unglaubliche Wende!
Ein Politiker unserer Tage nimmt eine andere Position ein, ein Mensch will sein Leben ver-ändern. Findet er Gehör? Glauben wir ihm, dass er vom Saulus zum Paulus geworden ist? Es ist oft schwer, dies zu glauben, denn niemand kann in einen Menschen hinein schauen. Also achten wir darauf, ob seine Worte wirklich mit seinen Taten übereinstimmen.
Der Hl. Franz von Assisi soll einmal seinen Mitbrüdern geraten haben: „Lasst uns mehr durch unser Leben predigen, als mit Worten“. Dies ist ein sympathisches Wort, das spontan Zustimmungsbereitschaft weckt. Wer von uns hätte nicht schon einmal Ablehnung gegen große Worte empfunden, die nicht durch Taten gedeckt sind. Wir wünschen uns die Überein-stimmung von Worten und Taten, gerade auch im Reden und Handeln von Menschen, die in Kirche und Gesellschaft Verantwortung tragen.
Was Friedrich Hebbel sagt, ist richtig: „Es fordert manchmal mehr Mut, seine Ansicht zu ändern, als an ihr festzuhalten“. Aber hinter dieser Aussage muss sich eine wirkliche Änderung des Gewissens verbergen, sonst wäre es nur eine Änderung, wie sie vielen Menschen vorgeworfen wird, die ihr „Fähnlein nach dem Winde wehen lassen“, die wir auch „Wendehälse“ nennen.
Es geht um grundsätzliche Einsichten, es geht um Grundüberzeugungen. Der Mut des Paulus beruht auf einer Erfahrung. Der Glaube ist für ihn Wirklichkeit geworden - der Glaube an den auferstandenen Herrn Jesus Christus. Es ging Paulus nicht darum, rein äußerlich etwas zu verändern, um besser durchs Leben zu kommen, sondern es ging ihm darum, seine neu gewonnene Glaubensüberzeugung zu vertreten, deutlich zu machen, dass er sich zukünftig für Jesus Christus und das Ausbreiten seiner Botschaft einsetzen will.
Das zu verstehen, war für die anderen nicht leicht, denn auch von ihnen wird verlangt, ihre Ansicht zu ändern, nämlich ihre Ansicht Paulus betreffend. Ein schwieriger Prozess, der sich damals abspielte, ein schwieriger Prozess, den wir tagtäglich erleben. Wie viel Glaubwürdig-keit bringe ich einem Menschen gegenüber auf? Wie sehr bin ich davon überzeugt, dass ein Mensch sich wirklich verändern kann? Oder bin ich der Vertreter der immer gleichen Parolen: Die lügen doch sowieso alle! Die erzählen doch nur das Blaue vom Himmel! Die sind doch alle gleich!
Das Wort des Franziskus kann vielleicht in solchen schwierigen Situationen zur Klärung beitragen. „Lasst uns mehr durch unser Leben predigen, als mit Worten“. Franziskus kritisiert das Geschwätz, das Plappern. Er will, dass Worte mit Taten übereinstimmen. Ein Bemühen, das unsere Zeit notwendig braucht. Das, was Franziskus fordert, finden wir – auch heute – da, wo Solidarität geübt wird, wo Menschen in Nächstenliebe und großer Beweglichkeit sich für andere engagieren, wo der Glaube nicht ein Lippenbekenntnis ist, sondern zu Taten führt.
josefholtkotteVielleicht bedeutet dies alles auch eine eigene Änderung oder Veränderung, nämlich: den Mut zu haben, von Gott zu sprechen, den Mut zu haben, auch öffentlich zu beten. Für seine Glaubensüberzeugung eintreten heißt nicht, auf primitive Weise fundamentalistisch zu sein, sondern es heißt, das umzusetzen, was Franziskus sagt: „Lasst uns mehr durch unser Leben predigen, als mit Worten“. Das bedeutet, Menschen neugierig zu machen auf den lebendigen Gott; das eigene Leben im Licht des Evangeliums zu gestalten; Jesus Christus die Möglichkeit zu geben, im eigenen Leben handeln zu können.
Vielleicht wäre es eine Folgerung für uns, immer mehr vom Saulus zum Paulus zu werden, also sich verändern zu lassen. Wir werden eingeladen, diesen Mut aufzubringen, den Mut zum Bekenntnis, den Mut, sich für einen Menschen zu halten, der verändert werden kann. Es ist die Wahrheit, dass Jesus Christus wirklich vom Tode auferstanden ist. Es ist der Mut, diese Wahrheit zu leben.

 

Pfarrer Josef Holtkotte, Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Mitte

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