Allerheiligen - unsre Sache

Verfasst von Klaus Fussy.

HaendeWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 1.11.2012

"Allerheiligen - unsre Sache"

Der sogenannte Totenmonat November ist ein Monat der Gedenktage: Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag – wie auf einer Kette reihen sie sich aneinander. Der November beginnt jedoch mit einem Hochfest: Allerheiligen!

Das ist doch ein gutes Vorzeichen – es macht alles, was noch folgt, nicht so trostlos. Die Heiligen sind Lebende – bei Gott!
Doch ist es wirklich ein Trost? Die Heiligen des Himmels und wir hier auf der Erde kommen wir zusammen? Sind sie nicht so weit weg, dass wir gar nicht heranreichen?
Kann ich überhaupt heilig werden? Dann müsste ich Unmögliches tun – und das kann ich, weil unmöglich, auch gleich lassen. Und kopieren kann man Heilige auch nicht. Franziskus oder Mutter Teresa können wir nicht werden – unmöglich!
Also ist das Fest zu hoch für uns?
Es gibt eine kleine Geschichte aus dem antiken Griechenland. Ein Weitspringer kommt von Rhodos nach Olympia. Sein Auftritt bei den Spielen fällt außerordentlich kläglich aus. Doch er hat einen Entschuldigungsgrund: „Auf Rhodos springe ich immer viel weiter“. Aber die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Hic Rhodos, hic salta“ - „Hier ist Rhodos und hier spring!“
Kann man davon lernen? Heilig werden geht nicht nur in besonderer Atmosphäre, an besonderen Orten, zu besonders begnadeten Gelegenheiten. Es gelingt auch nicht nur besonders von Gott Begabten und Auserwählten.

Hier ist der Ort und jetzt ist die Zeit und die Stunde, für das uns Mögliche. Heilig werden im alltäglichen Bielefeld – ist das so unmöglich? Im Wort „Heilig“ steckt das Wort „Heil“. Das bewirkt Gott in uns. Er hat uns sein Heil zugesagt.

Er heilt unsere Wunden. Ja, - auch Heilige hatten und haben Wunden. Sie sind nicht so vollkommen wie wir meinen. Manche Heilige haben sich für die größten Sünder gehalten. Auch sie sind begrenzte Menschen und bei manchen von ihnen war erst eine gewaltige Umkehr vonnöten, um heilig zu werden. Das war bekanntlich bei Paulus der Fall und es stimmt auch für Franziskus, den ehemaligen Lebemann, der zum „poverello“ zum kleinen Armen wurde. Heiligen ist es aber gelungen, ihre Wunden und sich selbst Gott hinzuhalten. So nur kann Gott heilen.

Und so kommt es, dass ein Mensch zum Heil anderer Menschen wirksam werden kann – wie heilsam ist das in allem uns umgebenden Unheil, mitten in unserem Alltag. Da gibt es Menschen, die ein Stück vom Himmel auf die Erde bringen.
Da opfert eine junge Frau einen Teil ihrer Freizeit und besucht einsame alte Menschen im Altenheim um die Ecke, Woche für Woche. Da kümmert sich ein junger Mann um die Einkäufe und Behördengänge für die alte Frau, die das Haus nicht mehr verlassen kann. Da gehen Menschen zu den Obdachlosen der Stadt, in der Hand eine Kanne Kaffee und Pappbecher und hören sich die Lebensgeschichten derer an, die sonst nicht angehört werden.
Da sorgt jemand über viele Jahre für den schwerkranken Vater, um ihm das Leben bis zu seinem Tod so angenehm wie möglich zu machen.
Da hat jemand ein offenes Ohr und ein offenes Haus für die Nöte seiner Nachbarn und kümmert sich nicht nur um den eigenen Garten.

Heilsam zu wirken ist durchaus möglich – nicht irgendwo und irgendwann, sondern hier und jetzt.

Es gibt unter den Heiligen nicht nur die „Prominenten“, sondern die Heiligen des Alltags. Sie sind so frei, aus der Liebe Gottes für ihre Nächsten da zu sein, unkompliziert und freundlich.

Wir feiern Allerheiligen – dazu kann jeder gehören, der sich der heilsamen Nähe Gottes öffnet.

 

 

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

Bildautor: Martin Manigatterer
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de

 

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