Rebhuhn - Fasten

Verfasst von Klaus Fussy.

Wort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 3.2.2013

Karneval„Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten, dann Fasten“
                    (Teresa von Avila)

Jetzt kommen sie wieder – die „Tollen Tage“, und das nicht nur im Rheinland, wie die Rheinländer immer meinen, auch in Westfalen.
Der Karneval steht vor der Tür. Feiern Christen Karneval und ist das angemessen?

In vielen Gemeinden setzte man sich früher davon ab. Während der Karnevalstage gab es statt Verkleidung, Luftschlangen und Konfetti das Dreißigstündige Gebet sozusagen als Gegenveranstaltung zum angeblich sündigen Treiben. Dürfen Christen Karneval feiern? Meine Antwort lautet: Ja! Und ich kenne mitten in der „Karnevalsdiaspora Bielefeld“  Karnevalsfeiern voller Stimmung mit allem, was dazu gehört: Phantasievolle Verkleidung, Sketche und Vorführungen, Büttenreden und Schunkeln, Polonaisen und Tanzen – mitten in einer katholischen Kirchengemeinde – die Frauen gehen voran, die Kolpingfamilie richtet ein großes Karnevalsfest aus. Da kommen Menschen aus dem ganzen Stadtteil. Die Eintrittskarten sind im Nu vergriffen. Und das hat auch seinen tiefen Grund: Christentum und Karneval gehören zusammen. Nicht ohne Grund beginnt die Karnevalssession am „Elften im Elften“. Das ist der Festtag des hl. Martin, jenes beliebten Heiligen, der mit dem Bettler seinen Mantel teilte.
Nach dem Martinstag begann schon in der frühen Kirche eine lange Fastenzeit, die sich über acht Wochen bis zum 5. Januar, dem Tag vor Epiphanie erstreckte. Als dann Weihnachten vor Epiphanie in den Vordergrund trat, wurde diese Zeit mit dem Weihnachtsfest abgebrochen. Doch vorher, an St. Martin, wurde noch einmal kräftig gefeiert. So kommt es bis heute zum „Elften im Elften“. Und nicht umsonst stehen die „Tollen Tage“ direkt vor Beginn des „Osterfastens“.
Da will und darf man noch mal kräftig feiern und der Freude am Leben Ausdruck geben. Denn erst „am Aschermittwoch ist alles vorbei“. Da denken wir daran, dass alles zu Staub zerfällt. Des Menschen Leben auf der Erde ist eben nicht unendlich! Und gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. Doch: feiern wir nach dem Motto: „Ist doch alles egal. Gut leben, möglichst lange, dann plötzlich tot umfallen. Nach uns die Sintflut“?
Christliche Freude lebt nicht aus solchen Verdrängungsmechanismen. Sie weiß mehr: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Deshalb ist für Christen auch am Aschermittwoch nicht alles vorbei. Wir gehen ab da auf Ostern zu und bereiten uns gründlich vor: durch Fasten und Beten.
Christliches Leben besteht aus solchen Spannungsbögen. Die hl. Teresa von Avila hat es in dem Satz ausgedrückt: „Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten, dann Fasten.“
Wenn es an der Zeit ist, dann ist das Fest dran, und zu anderer Zeit das nüchterne Ausharren. Jedes zu seiner Zeit.
Aber auch die Fastenzeit kennt nicht nur „Sack und Asche“. „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler“ (Mt. 6,16). Warum auch? Uns durchzieht diese Ahnung, dass das Leben das letzte Wort hat über uns. Das begehen wir an Ostern. Und das ist der tiefste Grund für die Freude.
Und übrigens: Am Rosenmontag hält mich nichts in der „Karnevalsdiaspora“. So gerne ich in Bielefeld lebe, zieht es mich dann in meine Heimat Rietberg und zum Rosenmontagszug. Und eine Reihe Schildescher sind inzwischen dabei.

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

Bildautor: Jürgen Damen
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de

 

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