Veränderung

Verfasst von Eva-Maria Nolte.

Seerose Wort zum Sonntag, 15.6.2013, WB

Bei einem Klassentreffen begegnete Herr S. nach 30 Jahren seinem Schulfreund Michael K. und begrüßte ihn herzlich: „Mensch, Michael, altes Haus, lange nicht gesehen. Du hast dich ja gar nicht verändert!“ – und Michael K. erblasste.

Meist fühlen wir uns geschmeichelt, wenn man uns bestätigt, „immer noch ganz der- oder dieselbe wie damals“ zu sein, denn dann ist es uns offenbar gelungen, die Jugend zu erhalten und die ergrauenden Haare zu vertuschen.  Anders bei Herrn K. – aber wie kommt das?
Er wusste wohl: Wer sich nicht verändert, ist leblos. Es gibt eben kein Leben ohne Veränderung. Gerade die Biographie vieler herausragender Persönlichkeiten und heiliger Menschen ist und war davon geprägt.
In einer biblischen Lesung (Lukas 7,36-50) am Sonntag werden wir Zeugen einer Szene ganz persönlicher Wandlung. Eine Frau, unrühmlich stadtbekannt als Sünderin, hat gehört, dass Jesus im Haus des Pharisäers Simon anzutreffen sei. Anscheinend angerührt von einer früheren Begegnung mit ihm muss sie ihn unbedingt noch einmal treffen. Aus Dankbarkeit nimmt sie ein Alabastergefäß mit wohlriechendem Öl mit. Offenbar handelt es sich also nicht um einen spontanen Besuch.
Einige Männer liegen dort schon auf Liegesofas an Esstischen, die Beine vom Tisch weggestreckt. Die Frau lässt suchend ihren Blick schweifen und steuert dann geradewegs auf Jesus zu. Was will sie hier, diese Sünderin, die stadtbekannte, gutaussehende geschäftstüchtige Frau? Es droht, für alle peinlich zu werden. Sie verschwendet keinen Blick an die anderen Männer, heute nicht, sie will nur zu Jesus. Die andern Gäste stören sie nicht. Sie hat ohnehin nichts mehr zu verlieren und zu verbergen, denn das Image ist sowieso hin. Wohl deshalb ist die Frau so frei, das zu tun, was sie jetzt tun muss.
Sie tritt an Jesus heran und beugt sich zu seinen Füßen, und dann fließen ihre Tränen, hemmungslos, wie bei einem Dammbruch. Sie weint alles heraus, den Dreck der ganzen Jahre, ihres ganzen Lebens, die Schuld, die Nöte - so laut schluchzend, dass es alle im Raum hören. Die anderen Gäste finden es peinlich, anstößig. Die Frau ist eine Zumutung für die Feiergesellschaft.
Und Jesus – er zieht seine Füße nicht peinlich berührt weg. Er riskiert, dass die Anwesenden sich deshalb über ihn erzürnen. Und er lässt auch zu, dass die Frau seine Füße küsst, sie gar mit ihren Haaren abtrocknet. Und schließlich gießt sie auch noch das kostbare Öl über seine Füße. Für die Pharisäer ist das ein Skandal – für die Frau, die nichts mehr zu verlieren hat – die Erfüllung, nämlich Jesus so nah zu sein.
Als Gefangene ihrer selbst war sie gekommen, aber jetzt ist sie frei. Für sie hat nun ein neues Leben begonnen. Das alte ist weggespült.
Und – fühlen wir uns immer noch geschmeichelt, wenn bei uns „alles beim Alten“ ist? Oder schauen wir jetzt mit einem Funken von Bewunderung zu der Frau auf, die eine Zumutung für die andern war, da ganz unten, die alles gewagt hat, um dann zu neuem Leben aufzustehen?

Wohl nur mit der Ahnung,  nichts mehr verlieren zu können, lässt es sich wagen, die Dämme brechen zu lassen und zu überfluten – in den Hochwasserkatastrophengebieten und eben auch da, wo das persönliche Leben in einer Katastrophe zu versinken scheint.

evamarianolte

 
Also, sagen Sie nie zu einem alten Bekannten „du hast dich ja gar nicht verändert“, denn das könnte ihn – ganz ohne böse Absicht -  tief kränken.

 

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Ost

Bildquelle: Pfarrbriefservice, © Jürgen Damen

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