"Kehrt um, das Himmelreich ist nahe" (Mt 3,2)

Die Kirche und die LeichtigkeitWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 6.7.2013

„Wo kämen wir denn hin“, fragen häufig die, die sich nicht bewegen wollen oder können und die Angst vor der unbekannten Zukunft haben.
„Was würde aus uns werden, wenn wir einfach gingen?“, so klingt ihr Lebensmotto. „Wo wird das alles hinführen“ - das ist ihre bange Frage.

So war es bei den Israeliten mitten in der Wüste, als sie murrten: „Ach wären wir doch in Ägypten durch die Hand des Herrn gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zum Essen hatten“, so klagten sie und wären am liebsten umgekehrt. Doch es gab keinen Weg zurück.

„Ach wäre es doch... - ach hätten wir noch …
Wir kennen das ja.

„Ach hätten wir noch die vollen Kirchen,
ach würden doch alle noch glauben.“
„Noch können wir ja …“
Ja, das Wort „noch“ ist ein verdächtiges Wort:
„Noch können wir unsere schönen Gotteshäuser aufrecht erhalten und in ihnen Gottesdienste feiern, auch wenn sich die Reihen längst gelichtet haben.

Noch können wir unsere Kreise und Gruppen weiterführen, obwohl die Köpfe und Gesichter immer älter werden und die Jüngeren nicht mehr nachwachsen.

Aber: Wohn wird das alles führen?

Ja, können wir wirklich alles immer noch so weiterführen und einfach tun, als würde alles so bleiben wie es ist und nicht bemerken, was da vor sich geht in unseren Kirchen und in ihren Gemeinden – und vor allem auch in unserer Gesellschaft und der Welt?

Der Blick zurück hilft nichts – wie bei den Israeliten in der Wüste – die wären im Übrigen in Ägypten ja gestorben, wenn auch mit vollen Mägen.

Doch: Was wird nun aus uns werden, wenn wir immer weniger werden?

Vor Jahren sah ich ein Spruchband. Es hing vom Theater am Alten Markt, darauf stand: „Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, dann muss sich alles ändern“ – und ich dachte sofort: Wenn der 2000 Jahre alte christliche Glauben bleiben soll, dann muss sich alles ändern. Dann können wir nicht alles so weitermachen wie bisher.

„Doch wo kämen wir dann hin?“ Ich gebe das zu: Es ist nicht leicht, etwas zu ändern.

Johannes der Täufer, dessen Fest wir neulich feierten, war der Rufer in der Wüste. Sein Ruf lautete: „Kehrt um“ „Verlasst die alten Wege“ „Lasst ab von euren eingeschliffenen Gewohnheiten“

„Sagt nicht, wir haben ja Abraham zum Vater“ - soll heißen: Wir sind schon auf der richtigen Seite, was kann uns schon passieren?

Nein, die Predigt des Johannes war keine bequeme Sonntagsrede, nach der man nach Hause geht und sagt: „Schön hat er gesprochen.“ Er war unbequem.

Doch was heißt nun „Umkehr“?
Es ist in der Tat das Gegenteil von „blindlings weitermachen“. Es ist aber auch keine einmalige Kehrtwende, nach der man anschließend sagen kann: „Jetzt stimmt die Richtung –  und das auf immer.“  Umkehr ist eine Grundhaltung des Lebens.
Sie beginnt damit, innezuhalten und sich zu fragen: „Wo stehe ich jetzt? Wie ist es mit mir und wie bin ich dahingekommen? Und worauf soll es dann hinauslaufen? Umkehr heißt, den Entwurf des Lebens von Gott her neu zu überdenken.
Am Ende eines Geschäftsjahres machen die Geschäftsleute Inventur. Sie blicken zurück und nach vorn und werfen manche Sachen raus. Dazu muss man aber wissen, wohin die „Reise“ gehen soll.

Wie ist es bei uns? Erkennen wir das schon, wir Christen? Womöglich hilft uns die weitere Bedeutung des Wortes Umkehr weiter. Im griechischen Text steht da „Metanoia“, übersetzt man das, bedeutet es „Über-Sich-Hinaus-Denken“, also den Horizont erweitern und damit das „Kreisen um sich selbst“ verlassen
Übrigens ruft Papst Franziskus dazu immer wieder auf: die Christen müssten zu den Rändern gehen und sich nicht um sich selbst drehen.
Umkehr – Metanoia: Über sich selbst hinaus denken und auch sehen, das verschafft den Überblick. Da bekommt man schon das Neue in den Blick. Auch Johannes predigt in einer Umbruchphase, er sieht das Neue schon voraus und benennt es: „Das Himmelreich ist nahe“.

Die Israeliten in der Wüste hatten Gottes Verheißung nicht mehr sehen können, das Gelobte Land. „ein schönes weites Land, in dem Milch und Honig fließen“. Sie hatten den Überblick verloren, sahen nur noch Wüste, spürten ihren Hunger und die prekäre Lage.

Sehen wir das Himmelreich schon nahe? Manche in unseren Kirchen sind skeptisch: Ist da nicht mehr Abbruch als Aufbruch? Wo führt das alles hin?

Die Predigt des Johannes wird konkreter: Das Himmelreich beginnt mit einem Größeren, der kommt. Es geht um ihn – und auch bei allem, was wir tun, geht es um ihn und nicht um uns. Er - so sagt Johannes es – wird mit Feuer und mit Heiligem Geist taufen.
Was bedeutet das?
Die Jünger hatten das erfahren, es war an Pfingsten. Für sie ging nichts mehr weiter: die Hoffnung war zerstoben im Tod Jesu. Sie selbst hatten große Angst. Aus Furcht saßen sie hinter Mauern. Ihr Blick konnte sich nicht mehr nach vorne richten, eher zurück: „Ach wäre doch… „
Doch dann kam der Feuersturm und mit ihm der Geist, der sie mit Leben erfüllte, und sie fanden sich wieder auf den Straßen und Plätzen der Stadt und zwischen den Völkern vieler Kulturen.

Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche. Kirche beginnt auf den Straßen und Plätzen, zwischen allen Menschen und sie beginnt mit dem Mut des Geistes.
Der Geist erweiterte den  Horizont der Jünger und sie dachten und sahen über sich hinaus.
So begann ein Stück des Himmelreiches.

Ist das heute wieder dran? Ich glaube schon!

Fragen wir uns auch heute: Wo stehen wir und was sollen wir sein vor Gottes Angesicht?

Das 2. Vatikanische Konzil wollte uns Christen mitten zwischen den Menschen sehen, als es formulierte: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“

Dazu braucht es den Mut des Geistes und das Vertrauen auf den lebendigen Gott.

Er führt uns neue Wege hinein in diese Zeit.

 

 

 

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

 

Bildautor: © Peter Weidemann
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de

 

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