"Dein Leben ist gelungen!"

Verfasst von DDr. Markus Jacobs.

Leben in der HandWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, Allerheiligen 1. November 2013 

Es war ein behinderter junger Mann, der mir als erster diese Frage stellte: „Bin ich heilig?“

Vorher war ich schon lange in der Seelsorge tätig, inzwischen sind wieder einige Jahre ver-gangen. Er blieb der einzige, der mich je fragte: „Bin ich heilig?“ Dafür hat er mir diese Frage gleich mehrmals gestellt. Denn auch in manchen späteren Begegnungen rutschte ihm das raus, was ihn offensichtlich beschäftigte. Meistens stellte er diese Frage dann, wenn er an der Tür des Pfarrhauses oder nach einem Gottesdienst sich verabschiedete: „Bin ich heilig?“
Der heutige Feiertag „Allerheiligen“ ist ein absolutes Freudenfest. Es gehört zu den größten Freuden, wenn man einem Menschen sagen kann: Dein Leben ist gelungen! Und jede Heilig-sprechung ist nichts anderes als der gemeinsame Satz von ganzen vielen Christen über einen anderen: Sein Leben war gelungen, ihr Leben war gelungen!
Es gibt eine sehr große Zahl von Menschen, von denen im Laufe der Jahrhunderte gesagt worden ist: Ihr Leben ist gelungen! Um sich darüber auch nach vielen Jahren noch zu freuen, um ihre Erinnerung wach zu halten, um sie um Fürsprache für das Gelingen des eigenen Le-bens zu bitten, deshalb gibt es das heutige Fest.
Was heißt denn „gelungenes Leben“ für einen Christen? Gelungen ist ein Leben, wenn es das Ziel erreicht. Das Ziel des Lebens liegt nicht nur in dieser Welt. Das Ziel des Lebens bleibt die Vereinigung mit der Liebe Gottes in der Ewigkeit.
Und da gibt es wirklich viele, die eine beeindruckende Gradlinigkeit an den Tag gelegt haben. Andere sind stattdessen erst durch eine konsequente Bekehrung auf die richtige Spur gekom-men. Da gibt es auch einige, welche das ihnen abverlangte Leiden oder Krankheit so stark in liebevolle Ausstrahlung selbst vom Krankenbett aus umgewandelt haben, dass andere reich beschenkt wurden. Und ein Mensch wie der Heilige Maximilian Kolbe macht deutlich, wa-rum unter ihnen besonders viele Märtyrer sind.
Dieser polnische Franziskanerpater hatte auch vor seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Auschwitz schon ein beachtliches Lebenswerk aufzuweisen. Eine ganze Klosterstadt hatte er gegründet, die sich dem Gebet und der christlichen Missionsarbeit durch Zeitschriften und Literatur widmete. Das Wesentliche für sein Leben war jedoch der Moment, als er sich stell-vertretend für einen Familienvater von den Nazis ermorden ließ. In vollem Bewusstsein sagte er zu den Mördern: ‚Nehmt mich und lasst ihn gehen‘. Bei solchen Menschen sagen die ande-ren: Was kann man denn noch mehr tun? Er hat doch sein Leben sogar hingegeben aus Liebe zu einem anderen, den er nicht einmal kannte. Jesus selbst hat gesagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben hingibt“ Joh 15,13.
Wie schön ist es, wenn wir in der Kirche über das Leben von Menschen gemeinsam sagen können: „Dieses Leben ist gelungen!“ Wie bedeutsam ist dieser Mut der großen Weltkirche, sich nicht bei allem noch eine Hintertür offen zu lassen und zu unterstellen, dass doch ir-gendwo noch unbemerkte dunkle Seiten waren. Dafür prüft sie meist jahrelang ausführlich die Lebensgeschichten von Menschen, die zur Heiligsprechung vorgeschlagen werden. Dazu hat sie sogar ein Kriterium, das manchen Zeitgenossen völlig fremd erscheint: Hat sich durch die Bitte um Fürsprache dieses Verstorbenen bei Gott vielleicht sogar schon etwas Wunderbares in unserer Welt ereignet? Zeigt sich also so erst recht, dass sich dieses Leben schon vollkom-men mit dem göttlichen vereint hat?
Wie viel Milliarden Menschen haben sich schon bemüht, dass sie ihr Leben nicht nur leben, sondern dass es gelingen möge? Der junge Mann, der nach seiner Heiligkeit fragte, ist das beste Beispiel dafür: Er möchte vor Gott gut leben und fragt deshalb bei anderen Christen nach, welchen Eindruck sie haben. Die Kirche kann nicht zu allen Menschen und auch nicht zu allen Christen etwas sagen. Aber von einigen ist sich die Gemeinschaft der Glaubenden ganz sicher: Ihr Leben ist gelungen! Ein Grund zur Freude, zur Erinnerung und zum Dank an Gott.

 

markusjacobs

 

 

 

 

DDr. Markus Jacobs
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Im Bielefelder Westen

Bildautor: © Martin Manigattere
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de

 

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