Was aber, wenn unser Leben tatsächlich unendlich wäre?

VergänglichkeitWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 23. November 2013

Der bereits hinter uns liegende 11. 11., von den einen als St.-Martins-Tag gefeiert, wird von so manchen Närrischen bereits als Auftakt für den Karneval gesehen.  Und dann erklingen sie wieder, die Party-Lieder wie „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei…“ 

Mit den Karnevalsjecken hat es meines Erachtens noch reichlich Zeit, doch der alte Schlager verweist uns unbarmherzig schnell auf die November-Themen schlechthin: Vergänglichkeit, Tod, Abschied, Ende …  Wir begehen in dieser Zeit Tage wie „Allerheiligen“, „Allerseelen“, den „Volkstrauertag“ und morgen den „Totensonntag“ (der vorausahnend inzwischen  lieber „Ewigkeitssonntag“ genannt wird).
In der Tat hat alles in dieser unserer Welt ein Ende. Und dabei würden wir doch so gerne all das für immer festhalten, was uns ans Herz gewachsen ist, ganz besonders aber das Leben - das unserer Lieben und das eigene. Was aber, wenn unser Leben tatsächlich unendlich wäre? 1946 hat Simone de Beouvoir mit ihrem Roman „Alle Menschen sind sterblich“  genau diesen Gedanken weitergesponnen. Ähnlich einem Science Fiction erzählt das Buch von Fosca, dem im 13. Jahrhundert von einem Bettler ein Elixier angeboten wird, das ihn unsterblich machen soll. Fosca greift zu und triumphiert über sein neu gewonnenes ewiges Glück. Nun überlebt er sämtliche Generationen. Nach dem scheinbaren Anfangsglück merkt er jedoch, dass seine Unsterblichkeit eher einem Fluch gleicht, denn seine Frauen, seine Kinder, alle sterben, nur er muss immer weiter leben. So schlüpft er ständig in neue Rollen und lebt ein Leben nach dem andern. Doch seine ganze Existenz scheint immer sinnloser zu werden. Frauen, die ihr Leben ihm und der gemeinsamen Beziehung schenken, müssen erfahren, dass ihr Geliebter sich nicht wirklich hingeben, sondern sich nur episodenhaft „verleihen“ kann. Und sie, die Sterblichen,  bleiben für den Unsterblichen eben nur „Lebensabschnittsgefährtin“. Das Leben von Fosca wird schließlich immer belangloser.
Der Roman brachte Simone de Beouvoir damals  bei seinem Erscheinen viel Ablehnung. Wohl störte er den scheinbar zufriedenen Bürger, der sich bis heute ungern mit der Endlichkeit seines Daseins beschäftigt. Gar in Angst und Schrecken versetzt werden wir auch jetzt zuweilen, wenn wir einem lieben Verstorbenen das letzte Geleit geben und am Grab gebetet wird „für den aus unserer Mitte, der als erster von uns dem Verstorbenen vor das Angesicht Gottes folgen wird.“ An dieser Stelle wird das Schweigen noch stiller, und alle denken dabei ausnahmsweise weniger an sich, sondern gerne an die andern.
Aber ist es nicht eine heilsame Erkenntnis, dass erst die Aussicht auf ein (zumindest vorläufiges) Ende Sinnfindung möglich macht?! Das erscheint zwar auf den ersten Blick absurd, doch erst die Verwundbarkeit lässt das „Vegetieren“ zum „Leben“ werden.  
Also lohnt es sich doch, sich mit der Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Und ich meine, jetzt ist die beste Zeit dafür, denn mit diesem Sonntag verabschiedet sich auch das „alte“ Kirchenjahr – wohl aber mit der Ahnung, dass schon am darauf folgenden Sonntag etwas ganz Neues aufbrechen wird, der Advent, der mit zunächst einem einzigen Licht den zarten Neuanfang erhellt. Und der vor allem den Retter ankündigt, der jedes Vergängliche und Endende schließlich voll-enden will. Eva-Maria Nolte 2013.

 

 

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Ost

Bildquelle: Pfarrbriefservice, © Hans Heindl

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