„Auge für Auge und Zahn für Zahn“

NachdenkenWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 22. Februar 2014

Was anmutet wie in einem schlechten Fernsehfilm, ereignete sich vor einiger Zeit an einer österreichischen Autobahnraststätte: Beim Verlassen der Toilette der Rastanlage hatten offenbar zwei Männer, ein 62-Jähriger mit seinem erwachsenen Sohn, nicht genug Toilettengeld auf den dafür vorgesehenen Teller gegeben, ...

... so dass die WC-Reinigungskraft, ein 52-jähriger Mann, darüber so sehr in Zorn geriet, dass ein heftiger Streit zwischen den 3 Männern entbrannte. Dabei schlug der junge Toilettenbenutzer dem Angestellten so heftig ins Gesicht, dass dieser eine Platzwunde erlitt. Der wiederum griff, um sich zu rächen,  zu einer 70cm langen Eisenstange, verfolgte damit die Männer über den Parkplatz, rempelte dabei eine weitere Passantin an und brachte sie so zu Fall, dass sie sich am Rücken verletzte. Schließlich schlug er mit der Stange noch auf das Auto der beiden Männer  ein, bis die Windschutzscheibe des Fahrzeugs zu Bruch ging. Das Ergebnis: Sowohl die Frau als auch die angestellte Reinigungskraft mussten wegen ihrer Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Alle Beteiligten der Schlägerei bekamen eine Anzeige – und das immerhin wegen ein paar Cents! Nun ja, schließlich kann man sich ja auch nicht alles gefallen lassen.
Und weil das eben Beschriebene leider keine Filmszene, sondern eine wahre Begebenheit wiedergibt, erscheinen die Worte Jesu aus der Bergpredigt (die wir an diesem Sonntag in der Kirche hören) aktueller denn je: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böse antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin….“(Matthäus 5,38-39)
Wenn es früher hieß „Auge für Auge und Zahn für Zahn“, dann war das allerdings keine Legitimation für den Vergeltungsschlag, sondern vielmehr der Versuch, Rache zu begrenzen: Nur ein Auge für ein Auge und nicht mehr. Und auf diese Regelung, die eine weit verbreitete Praxis des Ungleichgewichts von Vergehen und Strafe bereits einzudämmen versuchte, setzt Jesus in seiner Bergpredigt noch „eins drauf“, wenn er propagiert, nach dem Einstecken der ersten Ohrfeige auch noch die andere Wange hinzuhalten.
Aber riskiert er damit nicht, dass sich der gläubige Christ zum dummen Prügelknaben machen lässt? Und will Jesus etwa, dass derjenige, der draufhaut, sich auch noch durchsetzt?  Wohl kaum. Das passt nicht zu ihm. Denn die andere Wange hinzuhalten ist ja kein passives Über-Sich-Ergehen-Lassen, sondern ein aktives Tun, das fast einer Provokation gleicht, das vielleicht den Angreifer vor dem erneuten Zuschlagen stutzen und noch einmal innehalten lässt, so dass der zweite Schlag schon zögerlicher kommt. Und dann ist der vermeintlich Schwächere schon der Überlegene, der eigentlich Stärkere.
Vielerorts werden heute z.B. in Schulen und auch anderswo, überall dort, wo ein hohes Aggressionspotential vermutet wird, Personen gezielt durch „Deeskalationstraining“ geschult, um im Konfliktfall der aufkommenden Gewalt erst gar keinen Raum zu geben. Das ist wohl genau das, was Jesus schon damals im Sinn gehabt haben muss. Unter den Streitenden an der Autobahnraststätte gab es am Ende nur Verlierer. Jesus hingegen will Gewinner – über Gewalt und Vergeltung. Eva-Maria Nolte 2013

 

 

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Ost

Bildquelle: Pfarrbriefservice, © Peter Weidemann

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