Beten?!

GebetWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 15. März 2014

„Wenn das Beten sich lohnen täte – was meinst du was ich dann beten täte“ – sang vor vielen Jahren die Kölsch-Rock-Band BAP.
Lohnt sich Beten?
BAP meint: Nein!

Am Ende des Songs heißt es: „Gott, wäre Beten nicht so sinnlos…. Wir sind alle zusammen am Kreuzweg, etwa da, wo man das dritte Mal fällt.“

Du wirst die Welt durch Gebet nicht ändern, ist dann die Botschaft. Es bleibt nicht nur alles wie es ist – es wird noch schlimmer. „Wir sind alle am Kreuzweg, etwa da, wo man das dritte Mal fällt“

Lohnt sich Beten denn nicht?

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts haben gelernt, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen.

„Im Anfang ist die Tat“ so steht es schon bei Goethe als Inbegriff neuzeitlichen Bewusstseins. „Auf einmal sehe ich Rat und schreibe getrost: am Anfang war die Tat.“

Allerdings – unmittelbar nachdem Faust das getrost geschrieben hat, betritt der Teufel die Bühne. Ja, es ist eine teuflische Sache, wenn die Welt ein Produkt der eigenen Tat wird, wenn der Mensch meint, sich selbst machen zu können – und alles in seine Hände nimmt, um Welt zu ändern und zu gestalten. Das hat die Welt schon oft genug erlebt – diese Macher und Selbstgestalter, diese selbsternannten Messiasse, die die Welt zu beglücken vorgaben – aber schließlich doch sich selbst und ihren eigenen Vorteil meinten. Es ist zu oft gescheitert, wenn wir Menschen alles selbst in die Hände bekommen.

Aber lohnt sich beten?
Haben wir nicht auch oft genug erfahren, dass unsere Gebete nicht erhört wurden?

Da haben wir so um Genesung eines Schwerkranken gebetet – und dann stehen wir doch vor seinem Sarg.

Da haben wir so um Frieden gebetet, und die Unruhen hier und da auf der Welt wurden nur noch schlimmer –
um das Ende des Hungers in Afrika – und dann sehen wir wieder solche Fernsehbilder!

Hat nicht doch die Rockband BAP recht: „Gott, wäre Beten bloß nicht so sinnlos… Wir sind alle zusammen am Kreuzweg, etwa da, wo man das dritte Mal fällt.“
Ja, Gottes Wege sind häufig nicht unsere, und seine Gedanken sind ebenso häufig nicht unsere.
Doch warum beten wir?

Gehen wir bei Jesus in die Schule. Wir erfahren in den Evangelien viel, wie er an Menschen handelt:
Da wurden Blinde sehend, Lahme konnten wieder gehen, Aussätzige wurden rein – und Menschen fanden in seiner Gegenwart zum Leben zurück. – Ja, das ist das eine!

Aber Jesus war auch ein großer Beter! Immer wieder zieht er sich zurück: auf einen Berg – er allein – um zu beten. Er hielt Zwiesprache mit seinem Vater. Das war seine große Kraft. Aus diesem Gebet schöpfte er, um zu handeln. Das, was er tat, war nicht sein Werk. Es ging um Gottes Reich.

Beten heißt, sich Gott anvertrauen. Davon ausgehen, dass – wenn auch seine Gedanken oft andere sind als unsere – er ein Gott ist, der uns nicht untergehen lässt, weil er uns liebt. Dann kann ich so beten, wie Jesus es gelehrt hat: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe.“

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir ganz einfach die Hände in den Schoß legen können, um Gott unsere Sache zu überlassen. Wir sind schon und bleiben es: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an seinem Reich. Aber wir tun es aus einer anderen Haltung und Gelassenheit –
Die Wurzel all unserer Ängste liegt immer darin, dass wir zu wenig beten: „…seinen Namen rufen sie nicht an: Es trifft sie Furcht und Schrecken“,  steht in Psalm 14. Dann hastet man immer weiter, immer weiter.

Aus dem Gebet aber kommt eine große Kraft – auch aus unseren Gottesdienste, die wir feiern. „Schöne und bedeutungsvolle Liturgien, die das Geheimnis der Anwesenheit Gottes mitten unter uns feiern  - das ist bereits ein Bruch mit dem Klima der Ohnmacht und des Pessimismus“; las ich bei Andrea Riccardi, dem Gründer der Gemeinschaft Sant’ Egidio, die sich eben aus der Kraft des Gebetes, einsetzt für die Armen und die Schwächsten, die auch Jesus am Herzen lagen.

Lohnt sich beten?

Nein, wenn wir nur plappern und viele Worte machen.

Ja, wenn wir unser Herz öffnen und uns berühren lassen vom lebendigen Gott.

Der große Denker Sören Kierkegaard schrieb einmal über sein persönliches Beten:
„als mein Gebet immer andächtiger und stiller wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst, Beten sein Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören.
So ist es:
Beten heißt nicht sich selbst reden hören. Beten heißt: Still werden und warten, bis der Betende Gott hört.“

Dies ist sicher ein langer Weg. Die Fastenzeit ist aber vielleicht eine Zeit, um uns neu einzuüben in Stille und vielleicht ins Hören.

 

 

 

 

Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck

 


Bildquelle: Pfarrbriefservice © Dr. Paulus Decker

 

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