Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie

by Dr Paulus Decker pfarrbriefservice.deWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 6.September 2014

Er zu ihr: „Schatz, ich erfülle dir den größten Wunsch deines Lebens!“ – Pause. Dann sie zu ihm: „Ooh – ich werde dich vermissen!“

Ich gebe gern zu, daß ich diese knappe Gemeinheit in den letzten Tagen schon zig-mal mit großem Vergnügen zitiert habe. Sie stammt aus dem Programm der Kabarettistin Nessi Tausendschön, das am vergangenen Sonnabend im WDR 5 gesendet wurde. Ich hoffe, daß die meisten Leser dieses kleinen Artikels jetzt ebenfalls  gestutzt und dann herzlich gelacht haben und weiterlesen. Wer aber solchen Humor nicht mag und die Lektüre beendet, dem wünsche ich an dieser Stelle schon - und ganz ohne Groll - einen schönen, gesegneten Sonntag. – Den Weiterlesern gegenüber gebe ich aber auch gern zu, daß ich in diesen Tagen für solcherlei Ablenkung dankbar war. Das berechtigte Erinnern an die Kriege, die in Europa vor 75 und vor 100 Jahren von Deutschland aus angezettelt wurden, und die vielen entsetzlichen Nachrichten über menschenverachtendes und kriegerisches Geschehen in vielen Teilen der Welt heute – das ging richtig unter die Haut. Die Mißhandlung und Vertreibung von Minderheiten, das unterschiedslose Abschlachten von Menschen ist in keiner der großen, weltweit verbreiteten Religionen erlaubt. Und aus der Geschichtsforschung wissen wir längst, daß selbst archaische Kulturen, die Menschenopfer kannten, ihren Kult nicht willkürlich und wahllos ausübten. Vielmehr ist in vielen Weltanschauungen dasselbe Lehre und Praxis, was das Christentum „die goldene Regel“ nennt: Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie. (Matthäusevangelium Kap. 7,12). Der deutsche Zitatenschatz formuliert andersherum: „Was du nicht willst, daß man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.“ Um ein solches Leitwort zu leben, muß man nicht fromm sein, nicht Kirchensteuerzahler, Lutherliebhaber oder Papstfan; man braucht kein bestimmtes Lebensalter, keinen Mitgliedsausweis, keine bestimmte gesellschaftliche Stellung - jeder Mensch guten Willens kann diese Regel umsetzen. Es ist schon rätselhaft, warum wir wieder in einer Zeit leben, wo Tausenden von Menschen eine solche Haltung fremd und gleichgültig zu sein scheint wie die unentzifferbare Runenschrift in einer frühgeschichtlichen Grabkammer. – Es gibt aber auch viele andere: Morgen erzählen im ökumenischen Open-air-Gottesdienst um 11 Uhr auf dem Heeper Ting zwei junge Abiturientinnen von einem dreiwöchigen Arbeitseinsatz, den sie mit Jugendlichen aus anderen Ländern in Bosnien geleistet haben. Seit sechzehn Jahren helfen junge Leute aus verschiedenen Nationen in ihren Ferien beim Wiederaufbau in den Ländern des Balkan, in denen vor zwanzig Jahren ein wahnwitziger Nationalismus Häuser, Existenzen und Seelen zerstört hat: Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie. - Ich finde, diese „goldene Regel“ ist ein gutes Motto zur Aktivierung und dazu, um traurige Gefühle wie das der Machtlosigkeit gegen überbordende Gewalt und Unmenschlichkeit zu überwinden.  - Dann muß man einem andern – siehe oben – auch gar nicht den größten Wunsch erfüllen!

Pfarrer Bernhard Brackhane Foto Westfalen Blatt

Einen guten Sonntag und eine impulsreiche neue Woche wünscht Ihnen Pfr. Bernhard Brackhane

 

 

 

Bernhard Brackhane
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost

Foto: Pfarrbriefservice, © Dr. Paulus Decker

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