Das Weihnachtsmahl- ein Fest der Familie

Pfarrbriefservice  Dr. Paulus Decker Gemeinsames BrotbrechenWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 27. Dezember 2014

Weihnachten- das ist das Fest der Familie.
Überall kommen sie zusammen- Eltern, Großeltern, Kinder, Onkel und Tanten.

Weihnachten- da wollen wir Menschen nach Hause. Dort suchen wir Geborgenheit, Gemeinschaft und Freundschaft. Man schart sich um den Weihnachtsbaum und am festlich gedeckten Essenstisch. Das Weihnachtsmenu ist etwas Besonderes. Kein Fest kennt so viele Rituale. Und die modernsten Menschen werden auf einmal erstaunlich konservativ: Es muss so sein, wie immer! Soweit der Idealfall.
Doch es gibt auch andere Menschen, die dieses Glück nie hatten, irgendwo geborgen zu sein. Und trotzdem sehnen sie sich nach dem, nach dem sich alles sehnen: irgendwo anzukommen.
Doch sie bleiben einsam. Sie haben kein Zuhause (mehr). Da erfahren sie die Einsamkeit in diesen Tagen besonders schmerzlich.
Ein Szenenwechsel- und dennoch genau dasselbe: Kirchengemeinde St. Joseph, mitten in Bielefeld, am 2. Weihnachtstag. Der Augustinussaal ist festlich geschmückt. Tische sind gedeckt für ein großes Weihnachtsmahl. Auf den Tischen stehen Menukarten für ein dreigängiges festliches Essen. Eine Krippe und ein Weihnachtsbaum sind aufgestellt.
Und dann kommen sie: Menschen, die zu Weihnachten besonders einsam sind. Manche leben auf der Straße, mache haben aus unterschiedlichen Gründen keine Familie, manche auch keine Freunde mehr, andere freuen sich, an Weihnachten einfach mit anderen am Tisch zu sitzen, einige haben den Anschluss an unsere Gesellschaft verloren, sie alle wollen und sollen für einige Stunden die Freude der Weihnacht erfahren und beim festlichen Essen eine frohe Zeit erleben.

Eingeladen hat die Gemeinschaft St. Egidio, eine katholische geistliche Begegnung, die es auch in Bielefeld seit einer Reihe von Jahren gibt – wie auch dieses festliche Weihnachtsmahl. Einige, die schon länger unsere Gäste sind, fragen schon ein halbes Jahr vorher, ob es wieder stattfindet und ob sie eingeladen werden. Die Idee ist schon über dreißig Jahre alt. Die 1968 in Rom gegründete Gemeinschaft St. Egidio, die besonders die Freundschaft mit den Armen als Weg des Evangeliums erkannt hat, öffnet sogar Kirchenräume für dieses Festmahl, z.B. die römische Basilika Santa Maria in Trastevere, eine der schönsten Kirchen der Ewigen Stadt. Rote Tischdecken, Blumen, Hintergrundmusik und an den Tischen verschiedene Menschen unterschiedlichster Kulturen.: afrikanisch, asiatisch, lateinamerikanisch, europäisch – manche Gesichter, die vom Leben sehr gezeichnet sind.
Alle werden an den Tischen bedient. Zu diesen Menschen gehörte auch Rita.
Francesca, eine junge Frau aus der Gemeinschaft Sant Egidio berichtet: „Rita lebte allein in einem ehemaligen Lagerraum, im Kellergeschoss. Ihre Wohnung bestand aus einem einzigen feuchten Raum ohne Bad. Wir hatten sie kennengelernt, als wir nach den ärmsten, alten Menschen des Viertels suchten, um mit ihnen Freundschaft zu schließen. Unsere Besuche gefielen ihr sehr. Sie liebte es, Geschichten aus ihrer Jugend zu erzählen. Wir wollten auch sie zu Weihnachtsmahl einladen, weil ihre Angehörigen nur selten kamen und sie nicht allein bleiben sollte. Als Rita die Einladungskarte bekam, bedankte sie sich, erklärte jedoch, dass sie Weihnachten bei ihrem Sohn verbringen würde. Kurz vor dem Festmahl statteten wir ihr einen Besuch ab, um ihr frohe Weihnachten zu wünschen. In Wirklichkeit waren wir uns nicht ganz sicher bezüglich der Verabredung mit ihrem Sohn. Sie stand hinter der Haustür und weinte. Mit Mantel und Handtasche ausgestattet, war sie bereit zum Fortgehen. Niemand war gekommen, um sie abzuholen. So nahmen wir sie zum Essen mit. Nie werde ich vergessen, was sie am Ende des Festes sagte: „Heute war der schönste Tag in meinem Leben. Was wäre gewesen, wenn ich nicht einen Engel gehabt hätte, der sich an mich erinnerte.“

Menschen wie Rita gehören zu unseren Gästen und Freuden. So werde es Weihnachten für alle, denn Gott ist Mensch geworden, zuerst bei den Ärmsten, den Hirten, die obdachlos waren und keinen Menschen hatte. „Welt ging verloren, Christ ist geboren“, singen wir. Er suchte und sucht das Verlorene, um es zur Gemeinschaft zurückzuführen. Er ging dem Verlorenen nach – bis in die letzten Ecken und an Hecken und Zäume.

Beim großen Festmahl, das Gott dem Menschen bereiten wird, gehören alle dazu, Menschen aller Völker und Kulturen, ob arm, ob reich. Und er selbst bedient sie mit den feinsten Speisen und den edelsten Weinen (vgl. Jes. 25).
Weihnachten gibt davon einen Vorgeschmack- es ist Weinachten für alle.

 

 

 

Pfarrer Klaus Fussy, Dechant
Gemeinschaft St. Egidio Bielefeld

 


Bildquelle: Pfarrbriefservice © Dr. Paulus Decker

 

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