Wir sitzen alle in einem Boot

Boat People at Sicily in the Mediterranean Sea by Vito Manzari cc by 20Wort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 20. Juni 2015

Es ist nicht mehr oft, dass etwas für alle gilt, wie etwa, dass wir alle in einem Boot sitzen.

Gut: Recht und Gesetz gilt für alle gleich, aber Meinungen, Lebensformen, Weltanschauung, Geschmack … da geht’s in alle Richtungen. Halt! Was die Rohstoffvorräte betrifft, den Klimawandel, die Erderwärmung – da sitzen wir doch alle im Eine-Welt-Boot. Liebe Leserin, lieber Leser, in einem Boot zu sitzen bedeutet: Alle sind vom gleichen Problem betroffen, keiner kann einfach aussteigen und die Lösung den andern aufhalsen und sich `raushalten. Unter allen schwanken die gleichen Planken. Wenn ich in diesen Wochen all die Schlauchboote, Holzboote, Fischerboote und Rettungsboote mit Flüchtlingen im Fernsehen sehe, dann mag ich das Wort vom Boot, in dem wir alle sitzen, nicht mehr verwenden. Wir haben das Glück, in einem solchen Boot nicht sitzen zu müssen. In meinem Wohnbezirk Heepen, im Ortskern werden wir bald Kontakt bekommen zu 100 Menschen, die in einem Flüchtlingsboot saßen, einem regelrechten Seelenverkäufer. Bürgermeister und Verwaltung geben sich alle Mühe, die positiven Kräfte zu sammeln, die bereit sind, die Flüchtlinge zu empfangen und ihnen eine anständige Bleibe und für die nächste Zeit -  etwa ein Jahr - ein menschlich akzeptables Umfeld zu bieten. Ich erinnerte mich an ein besonderes Wörterbuch, das ich vor Jahren schon einmal gesehen hatte: ganz unscheinbar, mit versteiften Seiten zum Klappen wie ein Kleinkinderbuch. Es heißt „OhneWörterBuch“. Es enthält 600 Abbildungen zu neun Themen (Essen und Trinken, Unterkunft, Reisen, Medizin usw.). Wenn man also mit jemandem in Kontakt kommt, mit dem man sich sprachlich nicht verständigen kann, kann man gegenseitig auf entsprechende Abbildungen zeigen: z. B. bei einem verrenkten Fuß auf „Fuß“, „Bandage“ und einen „Doktor“ oder auf „Apotheke“. Mit diesem OhneWörterBuch hat sich unsere kirchliche Dienstrunde ausgestattet, um sich auf solche Kontakte vorzubereiten. - In den katholischen Gottesdiensten wird an diesem Sonntag auch ein „Boots-Evangelium“ vorgelesen: Jesus fährt mit seinen Jüngern über den See Genezareth. Er hat sich schlafen gelegt. Da schlägt das Wetter um, Wellen schlagen in das Boot, die Jünger schreien vor Angst und wecken ihren Meister: „Kümmert es dich nicht, daß wir zugrunde gehen?“ – Er droht dem Sturm: „Schweig, sei still!“ Der Wind legt sich, und es tritt völlige Stille ein. Dann seine kritische Frage: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ – Es ist ein komplexes Evangelium – provozierend, verstörend und ermutigend zugleich. Für mich ist wichtig: ER, der Meister, ist mit uns in einem Boot, er läßt uns im Lebens- und Probleme-Meer nicht hilf- und orientierungslos herumpaddeln - er fährt selber mit. Er schläft nicht, um uns zu prüfen! Nein, er traut uns viel zu. Am meisten den Glauben, dass wir mit ihm in unserem Boot nicht scheitern werden. Das dürfen wir auch anderen vermitteln. Vielleicht brauchen wir ab und zu  auch ein  OhneWörterBuch: in unserem Leben zeigen, wie Angst-besiegen und Nach-vorne-Schauen gehen kann.

Pfarrer Bernhard Brackhane Foto Westfalen Blatt

Einen guten Sonntag und eine impulsreiche neue Woche wünscht Ihnen Pfr. Bernhard Brackhane

 

 

 

Bernhard Brackhane
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost

Foto: Pfarrbriefservice, © Vito Manzari / cc-by-2.0

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