„Von Flucht und Aufnahme“

Refugees on a boatWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 1. August 2015

Noch nie kamen so viele Flüchtlinge aus aller Welt und Europa nach Deutschland und auch in unsere Stadt.

Sie fliehen vor Terror und Gewalt, vor unhaltbaren Lebensumständen, vor Rassismus. Viele kommen auf abenteuerlichen Wegen zu uns. Nicht wenige sind traumatisiert von dem zuhause und auf dem Weg Erlebten. Wie viele haben es gar nicht bis hierher geschafft. Immer wieder erreichen uns die schockierenden Nachrichten vom Tod auf dem Mittelmeer.
Papst Franziskus, aber inzwischen auch andere, formulieren, dass das Mittelmeer, immerhin der Raum der Entstehung unserer Geschichte und Kultur, nicht zu einem großen Friedhof werden darf. Derweil streiten die Länder Europas um Aufnahmequoten und einige verweigern sich ganz.
Erschreckend auch die Bilder vorm Eurotunnel zwischen Frankreich und Großbritannien, wie vor allem junge Männer auf die dort wartenden LKW`s springen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Großbritannien. Neun kamen im Eurotunnel ums Leben. Ebenso erschreckend die mit Flüchtlingen gefüllten Strände in Griechenland und in Süditalien.
Die Aufnahme fällt auch in Deutschland nicht leicht. Immer wieder kommt es gar zu Brandanschlägen in Flüchtlingsheimen. Das ist beschämend.
In unserer Stadt gibt es in der Zentralen Ausländerbehörde eine von zwei Erstaufnahmestellen in Nordrhein-Westfalen. Die sehr engagierten und kooperationsbereiten Mitarbeiter/innen kommen an ihre Grenzen.
Oft bilden sich große Rückstaus von Menschen vor der Registrierstelle. Viele müssen bei Wind und Wetter draußen im Regen warten.
Die Hilfsbereitschaft vieler Bielefelder Bürger ist sehr groß, von jung bis alt. Viele Ältere kennen selbst noch die Erfahrung von Flucht und Vertreibung. Auch Menschen aus Kirchengemeinden aller Konfessionen engagieren sich und organisieren Hilfe – von Brackwede bis Heepen. Das ist wohltuend. Die Gemeinschaft Sant`Egidio in Bielefeld hat in Kooperation mit der Bahnhofsmission einen Transferdienst für Ankommende zwischen dem Hauptbahnhof und der Zentralen Ausländerbehörde eingerichtet.
Jeden Tag empfangen wir im Hauptbahnhof und in der Bahnhofsmission Menschen aus vielen Ländern. Dort können sie erst einmal ankommen, bekommen Essen und Trinken. Uns ist es vor allem wichtig, dass wir sie gastfreundlich empfangen, dass sie Menschen begegnen, die sich ihnen als Menschen zuwenden. Dann bringen wir sie in die Ausländerbehörde und helfen gegebenfalls bei den dort nötigen Vorgängen.
Es braucht eine Willkommenskultur.
Was motiviert uns Christen zu einem solchen Engagement?
Bei einer Tagung des Erzbistums Paderborn sagte ein Vertreter des Caritasverbandes. „Das Flüchtlingsdrama wird unsere Kirche verändern.“
Wir werden an dieser Frage erkennen, wofür wir als Christen da sind. Mit der Frage: „Wozu bist du da, Kirche?“ hat der Erzbischof uns eingeladen, in Veränderungsprozesse hineinzugehen. An der Flüchtlingsfrage spüren wir es.
Die Gastfreundschaft ist eine urchristliche Tugend. Die jüdisch-christliche Tradition kennt dafür zahlreiche Beispiele, angefangen von Abraham, der in den drei Männern vor seinem Zelt Engel Gottes, ja Gott selbst erkennt, als er sie zusammen mit Sara fürstlich bewirtet.
Der Hebräerbrief greift diese Erfahrung wieder auf, wenn er schreibt: „ Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige,  ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ (Hebr. 13,1)
Im Römerbrief ist zu lesen: „Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind. Gewährt jederzeit Gastfreundschaft.“ (Röm 12,13)
„Die Gastfreundschaft der frühen Gemeinden ist nicht eine private Übung der Werke der Barmherzigkeit, sondern ein Stück des neuen Milieus, das entsteht, wo die Gottesherrschaft Platz greift.“ (Rolf Zerfaß: in: Menschliche Seelsorge, S.17)
Jesus selbst ist immer wieder Gast gewesen, in den Häusern der Pharisäer genauso wie bei Zachäus. Wir haben allen Grund aus unserer eigenen Tradition heraus uns zu öffnen für die Fremden, die zu uns kommen und gastfreundliche Aufnahme (mit-) zubewirken.
Es ist zu hoffen, dass durch uns in unserer Stadt und in unserem Land ein neues Milieu entsteht, dass die Ankommenden nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erlebt, und in ihnen auch Engel sieht, wie Abraham und Sara es taten.

 

 

 

Pfarrer Klaus Fussy, Dechant
Gemeinschaft St. Egidio Bielefeld

 


Bildquelle: Pfarrbriefservice © gemeinfrei

 

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