Nachdenkliches zu den Hitzenächten

fensterblumebypeterweidemannpfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 11. Juli 2015

Wir haben in den vergangenen Tagen eine große Hitzewelle erlebt. Temperaturen knapp unter vierzig Grad sind für unsere Breiten nicht alltäglich.

Erst einmal ist diese Welle nach den Gewittern nun auch wieder vorbei, sie bleibt aber ein Anstoß zum Nachdenken.
In den letzten Tagen hatte ich die Gelegenheit, mit recht vielen Menschen über ihre Erfahrungen während dieser Zeit zu sprechen. Dabei fiel mir ein Unterschied in den Reaktionen auf. Wenn ich junge Leute fragte, wie sie diese Wärme erlebt hätten, sprachen die meisten von den Nächten. Sie hätten schlecht geschlafen, seien immer wieder aufgewacht und demensprechend auf die Dauer ein wenig ausgelaugt gewesen. Wenn ich dann mit alten Leuten sprach und dabei sofort erwähnte, dass ja sogar die jüngeren Zeitgenossen ziemliche Probleme während der Nacht gehabt hätten, erntete ich fast immer die gleiche Reaktion: Die Nächte seien für sie fast völlig normal gewesen – sie würden nämlich auch sonst nicht durchschlafen. Es war zwar ein bisschen wärmer…
Offensichtlich legen wir verschiedene Maßstäbe an. Manche Schwierigkeiten und Sorgen sind eher davon abhängig, was für uns vorher als ‚normal‘ gilt.
Jemand, der sonst jede Nacht tief durchschläft, fühlt sich wie gerädert, wenn einmal einige Tage mit richtig unruhigem Schlaf kommen. Dabei ist dies ja nicht nur für alte Menschen der Normalzustand. Denn genau so kann es sogar in kühlen Tagen der jungen Mutter ergangen sein, die während der Nacht mehrfach von ihrem Kind geweckt worden ist. Die gleichen schweren Glieder kann ein Vater haben, der sich in der Nacht um sein krankes Kind gekümmert hat. Selten werden sie aber  beide von ihren Kollegen oder Kunden danach gefragt, sondern sie sollen eben ‚funktionieren‘. Erst recht natürlich bei den vielen psychischen Erkrankungen: wie drückt dies auf das Gemüt oder stören innere Stimmen alle Konzentration.
Bei den Psalmen der Bibel fällt auf, dass ziemlich viele von ihnen offensichtlich von nächtlichen Betern verfasst wurden. „Ich denke an dich auf nächtlichem Lager, ich sinne über dich nach, wenn ich wache.“ (Ps 63,7) „Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden. Ich sinne nach über die Tage von einst, ich will denken an längst vergangene Jahre. Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist.“ (Ps 77,5ff)
Der ruhige und tiefe Schlaf in der Nacht ist ein Geschenk, kein Anspruch. Erst recht ist er nicht der Normalfall. Wer dieses Privileg genießt, tut gut daran, demütig dafür zu danken und andere zu achten, denen es anders ergeht. Die Wachzeiten in der Nacht sind eine Herausforderung. Sie haben viel Nachdenkliches hervorgebracht, auch sehr tiefe und weise Gebete. Der Schlaf wurde von gläubigen Menschen sogar immer als ein kleines Vorgefühl des Sterbens betrachtet. Deshalb wissen wir letztlich nie, wer „besser“ geschlafen hat: der wie ein Stein Schlummernde oder der immer wieder Aufwachende, zum Nachdenken Kommende, Betende…

markusjacobs

 

 

 

 

DDr. Markus Jacobs
Pfarrer im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Nord-West

Bildautor: © Peter Weidemann
Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de

 

Drucken E-Mail

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies).

Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.