"Advent"

19349 offenes fenster by peter weidemann pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 5. Dezember 2015

Gibt es ihn noch – den Advent? Alles redet nur von Weihnachten. Im gesellschaftlichen Sprachgebrauch redet man höchstens von „Vorweihnachtszeit“. 

Und da geht es um Weihnachtseinkäufe, Glühwein, Weihnachtsmärkte, Glitter und Glemmer auf allen Straßen und Plätzen. Da tritt dann der Weihnachtsmann auf. Er kommt mit einem von Elchen gezogenen Schlitten aus dem hohen Norden. Nur der auch dazugehörige Schnee fehlt.
Nein – Advent ist das nicht. Der sieht anderes aus. Die Glaubenstradition kennt das sehnsuchtsvolle Warten noch – wie Israel, das auf seinen Messias wartet. Aus vielen Adventsliedern klingt noch diese uralte Sehnsucht des Volkes Israel nach Erlösung und Heil – und dessen bedürfen wir sehr wohl:
„Wo bleibst du Trost der ganzen Welt“ – „Oh komm, o komm, du Licht der Welt, das alle Finsternis erhellt…“
Das kann man nicht einfach überspringen und so tun, als ließe sich das an der nächsten Ladentheke und am Glühweinstand erfüllen.
Der österreichische Schriftsteller Joseph Roth (1894-1934) drückte dies etwas drastisch so aus: „Das einzige wirkliche Elend besteht darin, dass man sich nie genug besaufen kann.“ Ja, genug ist nicht genug und satt macht nicht wirklich satt, es führt höchstens zur Übersättigung. Es bleibt der Hunger nach mehr und nach etwas anderem. Es bleibt die Sehnsucht nach endgültiger Erfüllung, nach Heil und Erlösung: dass doch endgültig alles gut werde.
Diese vier Wochen des Advent wollen dieser Sehnsucht Raum geben. Wir Christen sind Menschen, deren Sehnsucht nicht schweigt, bis nicht Gott endgültig bei uns ankommt.
Und dieser Gott, auf den uns der Advent neu orientieren möchte, ist nicht irgendein ferner, sondern ein menschlicher, zuvorkommender Gott.
Gott will ankommen bei mir – das drückt eines der bekanntesten Adventslieder aus:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit“.
Da heißt es dann auch: „all unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt“.
Da kommt die Sehnsucht nach Leben, Richtung und Ziel zu ihrem Ende, und dieser Gott ist schon längst zu uns unterwegs.

 

 

 

Pfarrer Klaus Fussy, Dechant
Gemeinschaft St. Egidio Bielefeld

 


Bildquelle: Pfarrbriefservice © Peter Weidemann

 

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