„Was hilft’s zu hören ohne zu verstehen?“

telefonierende frau 1 by peter weidemann pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 23. Januar 2016

Mit Sicherheit kennen Sie das, und es ist mir erst gerade wieder geschehen: Beim Telefonieren ergibt sich ein etwas ausführlicheres Erzählen. Vom anderen Ende höre ich mitunter ein zugewandtes „Mmh“, „Ja“ oder „Wirklich?“... doch irgendwann habe ich das Gefühl von Leere auf der anderen Seite der „Leitung“, und vergewissere mich „Hallo, bist du noch da?“ – keine Antwort - „Hallo? Hörst du mich?“ – Schweigen – „Hal-lo!“  - Nichts – „Falls Du mich noch hörst, ich lege jetzt auf.“ Ich beende also das sowieso schon beendete Gespräch, tippe den kleinen roten Hörer auf dem Smartphone an und wähle sofort erneut die Nummer meines Gesprächspartners. Jetzt erklingt ein regelmäßig aufeinanderfolgendes „Tüt, tüt...“ Besetzt! Der andere hatte dieselbe Idee. Ich wäge ab: „Sofort neu wählen oder abwarten, bis er wieder anruft?“ Ich wähle sofort. Beim dritten Mal klappt‘s. Erste Frage: „Was war?“ „Ich war im Funkloch!“ Wir versuchen, den Faden wieder aufzunehmen und rekonstruieren das Gesprächsende: „Was hast du zuletzt noch gehört?“ Schließlich ist auch die inhaltliche Verbindung wieder hergestellt.  
Auch wenn es offensichtlich Zeitgenossen und -genossinnen gibt, die drauflosplappern, ohne sich zu vergewissern, dass tatsächlich jemand hinhört, besteht kein Zweifel daran, dass Reden und Hören einander zugeordnet sind. Und wenn die Studierenden einer Universität Vorlesungen besuchen, kommen sie dazu nicht im „Vorlese-Saal“, sondern im „Hörsaal“ zusammen. Auf’s Hören kommt es also an, soll das Wort nicht  „in den Wind geredet“ sein.
Und weiter: Was aber, wenn jemand zwar hört, aber nicht versteht?
An diesem Sonntag begegnet den katholischen Kirchbesuchern ein Text aus dem Buch Nehemia im Alten Testament. Eine Besonderheit dieses Bibelwortes: Es geht um eine Lesung in der Lesung. Berichtet wird, wie der Priester Esra den Versammelten das Gesetz vorträgt – und zwar Männern und Frauen „und denen, die es verstehen konnten“. Und weiter heißt es dann:  „Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, so dass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.“ Ja, gut so, denn was hilft es, das Wort Gottes zu hören, ohne es zu verstehen. Nicht nur für die „Berufs-Lehrenden“ wie Erzieherinnen, Referenten, Lehrerinnen, Prediger... ist es eine wunderbare Erfahrung, jemandem die Tür zum Verstehen öffnen zu können. So muss es all den vielen Unermüdlichen im Einsatz für die Geflüchteten gehen, die mit Händen und Füßen, mit Phantasie und langem Atem nicht aufgeben, genau das zu tun.
Ich erinnere ich mich noch gut an ein Mädchen aus der Ukraine, das neu in meine Religionsklasse einer Grundschule kam und kein einziges Wort Deutsch verstand. Still, ernst, fast teilnahmslos saß es zwischen den anderen Kindern. Die „Absprachen“ für das Allernotwendigste im Unterricht trafen wir gemeinsam per Zeichen.  Bevor wir uns jedoch wirklich verständigen konnten, wechselte das Kind die Schule, kehrte aber nach einem Jahr wieder zurück in dieselbe Klasse, so dass wir uns erneut im Unterricht begegneten. Fast wie ein Wunder kam es mir vor: Jetzt konnten wir flüssig miteinander reden, und der vorher teilnahmslose Blick strahlte verstehend.  
Die Phantasie und den langen Atem, damit das noch ganz viele Male gelingt, wünscht Ihnen
Eva-Maria NolteEva-Maria Nolte 2013

 

 

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld-Ost

Bildquelle: Pfarrbriefservice, © Peter Weidemann

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