TOI TOI!

Toi ToiWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 12. März 2016

Na, da fehlt doch eins: toi, toi, toi! Nee, was ich meine, hat nur zwei:

Mir geht’s um die kleinen, blauweißen Plastikhäuschen, die auf Baustellen, kleinen Raststätten oder bei Großveranstaltungen stehen. - Och nee! Nicht samstags bei der Frühstückszeitung! Kleiner Tip: Lesen Sie’s nicht beim Marmeladebrötchen; besser nachmittags. TOI TOI oder DIXI: ich hab’s selbst erst einmal gebraucht - beim Kirchentag. Einerseits besser als nix; andererseits: au mann! Liebe Leserin, lieber Leser, ich kann’s nicht ändern: an diese Häuschen und was damit zusammenhängt, denke ich zuerst, wenn ich wieder die Tausende im Fernsehen sehe, die auf einem Acker im Schlamm kampieren; wochenlang kein Vor und Zurück, keine Aussicht, dass sich etwas zum Guten ändert. TOI TOI gibt eine kleine Vorstellung davon, wie schrecklich wochenlange Flucht ist. Was ist da los in unserer Welt? Jetzt hört man nur noch dichtmachen, schließen, beenden, zurückschicken, wenn nicht noch Schlimmeres. So wie von der Politikerin, die von schießen sprach.

Morgen ist Wahl dreier Landtage, dreimal dasselbe Hauptthema: Werden die Protestwähler sich Luft machen? Man hört förmlich Rollgitter und Eisentore rasseln. Und dann das Schimpfen „Wirtschaftsflüchtlinge“. Ich denke: Familienväter, die im Heimatland seit Jahren keine Arbeit finden und nicht wissen, wie sie Frau und Kinder ernähren sollen. Da stimme ich dem Kabarettisten im Radio zu: „Ja, es gibt viel zu viele Wirtschaftsflüchtlinge, die ihre in Deutschland verdienten Gewinne (oder Abfindungen bei Kündigung) ins Ausland schaffen und dort den Wohnsitz anmelden, um hier keine Steuern zu zahlen! Müßte man nicht eher die mit ihren Millionen in ihr sicheres Herkunftsland zurückschicken?“

Liebe Leserin, lieber Leser, dieser kleine Artikel taugt nicht zu einer ausführlichen Auseinandersetzung mit den angerissenen Themen. Der soll ja irgendwie auf den Sonntag hinführen. Gut; also Sonntag. Der hilft vielen, Dinge aus der Hand zu legen und Themen aus dem Kopf zu bekommen, die den Alltag zu stark bestimmen und häufig einengen. Bei solchem ruhigem Überlegen erinnert mich TOI TOI daran, wie gut ich es habe, ohne mich ekeln zu müssen; wie wenig ich mich fürchten muß, dass mich andere herumkommandieren, anschreien und wegscheuchen von dort, wo ich hin möchte. Ich habe Rechte, die mich schützen vor extremer Not, vor Gewalt und Verunglimpfung. Und doch: Manchmal  möchte auch ich die Leute abwimmeln, wegschicken, die mich zu ungewöhnlichen Zeiten anrufen oder an die Tür kommen, die mir unglaubliche Geschichten erzählen, Geld wollen oder eine Problemlösung, die ich nicht leisten kann. Und dann versuche ich doch den Schalter umzulegen: sie hereinzubitten, anzuhören, Lösungen zu suchen, Alternativen anzubieten. Es wäre unter Umständen schon peinlich, wenn mich die „Versteckte Kamera!“ testen würde. Unvorstellbar, wenn es mal Jesus wäre! Aber der kommt ja nicht, gottseidank … Oder doch?

„Gib jedem, der dich bittet … Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? … Seid barmherzig, wie es auch euer Vater (im Himmel) ist.“ (Lukasevangelium, Kap. 6,30ff)

Einen guten Sonntag zum neu-Ausschau-halten wünscht Ihnen    Pfr. Bernhard Brackhane

 Pfarrer Bernhard Brackhane, Foto WESTFALEN BLATT

 

 

 

 

Bernhard Brackhane
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost

 

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