„Die Geflüchteten, der Papst und die Ökumene“

17915 4d1a8264 by bernhard schwessinger pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 23. April 2016

Papst Franziskus war erst wenige Wochen im Amt. Da erregte er schon Aufsehen.

Seine erste Reise führte ihn aus dem Vatikan zu den Geflüchteten auf die süditalienische Insel Lampedusa. Dort landen und stranden vor allem Geflüchtete aus vielen Ländern Afrikas, geflohen vor Terror und Gewalt und oft genug auch einer brutalen Armut. Hinter sich haben sie waghalsige und gefährliche Reisen in armseligen Booten über das Mittelmeer. Der Papst zeigte seine Solidarität mit ihnen nicht nur, indem er mit ihnen Eucharistie feierte – dies nicht an einem goldenen Papstaltar, sondern an einem einfachen Tisch. Er klagte auch Europa und die Welt an: vor allem wegen der globalisierten Gleichgültigkeit. Insbesondere fehlten uns die Tränen angesichts des unsagbaren Leides so vieler Menschen.

Am letzten Samstag wiederholte sich Ähnliches. Papst Franziskus flog auf die griechische Insel Lesbos, um mit den Geflüchteten zu Mittag zu essen. Und er kam nicht allein. Mit ihm reisten der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomäos, das Ehrenoberhaupt aller orthodoxen Christen und der Metropolit von Athen Hieronymus an – ein außergewöhnliches Zeichen ökumenischer Verbundenheit, ist doch die Ökumene mit den orthodoxen Christen nicht ganz einfach. Finden die Christen angesichts der Not der Menschen unkompliziert zusammen, werden sie spüren, dass sie hier besonders gefragt sind und angesichts etwa des Flüchtlingsdramas ihre jahrhundertelangen Zwistigkeiten beiseitelegen? Das wäre großartig!
Der Papst sprach auf Lesbos von einer „traurigen Reise“ und beklagte: „Wir erleben die schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir werden so viele Menschen sehen, die leiden, die fliehen und nicht wissen, wohin“. Derweil schaltet Europa sich ab und schließt Grenzen. Ich frage mich: Ist das das christliche Abendland?
Papst Franziskus nahm zehn Geflüchtete mit nach Italien, acht syrische und zwei afghanische Staatsbürger. Möglich gemacht hat das die römische Gemeinschaft Sant´Egidio, in deren Obhut die Geflüchteten nun leben.
Wir Christen können die Augen nicht verschließen vor der Not der Welt und dem Elend der Geflohenen. Wir dürfen auch unsere Türen nicht verschließen, sondern müssen helfen, wo wir nur können. Und wir müssen Widerständen und Vorurteilen, die es auch bei uns gibt, entgegentreten. Jesus selbst identifiziert sich mit den Fremden: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35).
Gutes geschieht in vielfältiger Weise auch in Bielefeld. In vielen Projekten sind Christen mit anderen Menschen guten Willens engagiert, in Kirchengemeinden und Initiativen und auch hier in ökumenischer Verbundenheit. Eine Kirchengemeinde hat unkompliziert alle ihre Pläne über den Haufen geworfen und ein Huas zur Verfügung gestellt, in dem jetzt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben. In vielen Gemeinden gibt es Willkommenscafés und Möglichkeiten zur Begegnung zwischen den Kulturen.
Auch in Bielefeld engagiert sich die Gemeinschaft Sant´Egidio und hat zwei Dienste eingerichtet: einen Fahrdienst zwischen dem Hauptbahnhof und der Zentralen Ausländerbehörde und ein Café an der Behörde und im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – eine Oase der Gastfreundschaft und Begegnung, während die Menschen auf ihre Registrierung warten.
Wir erleben aber auch, dass Menschen wegen ihres Engagements angefeindet und sogar bedroht werden. Wir werden als Kirche in Bielefeld dagegen Widerstand leisten und sie schützen.
Ich lade dazu ein und rufe dazu auf, sich der Aktion „Flagge zeigen – für Fremdenfreundlichkeit und Vielfalt“ des Diözesankomitees im Erzbistum Paderborn anzuschließen. Flaggen und Plakate an unseren Kirchen weisen darauf hin, wo wir als Christen stehen und für wen wir einstehen.
Das ist christliches Abendland: sich für Menschen in Not engagieren und ihnen zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen.

Klaus Fussy, Dechant

 

 

Bildquelle: Pfarrbriefservice © Bernhard Schweßinger

 

 

Pfarrer Klaus Fussy, Dechant
Gemeinschaft St. Egidio Bielefeld

 


 

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