Schutzwall?

Verfasst von DDr. Markus Jacobs.

image 2424135 by mrsbrown cc0 gemeinfrei pixabay pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt,14. November 2015

Unser Land ist über Jahrzehnte von einer Mauer gezeichnet gewesen. Die Mauer selbst war prägend für Berlin, aber ein Zaun durchzog über viele weitere Kilometer große Teile Deutschlands.

In den Augen der Weltbevölkerung waren wir das Land mit dem Zaun. Wie oft ist es mir im Ausland passiert, dass Gesprächspartner gar nicht wussten, welcher Teil Deutschlands nun der »freiheitliche«, der »demokratische« sei und welcher der »nicht freie«. Sie wussten oft nicht einmal, wer den Zaun gebaut hatte. Denn »Schutzwall« hieß er ja im offiziellen politischen Sprachgebrauch seiner Erbauer. Die Leute wussten eben nur, dass es einen Zaun gab. Der Zaun zeigte für sie einfach, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein musste, was letztlich beide Seiten betraf.

Wir selbst haben mit großen Gefühlen die Öffnung der Mauer verfolgen können. Der Abbau des langen Zaunes wurde zum Symbol der gewonnenen Freiheit – für die ganze Welt.

Deshalb sollte es gerade uns als Menschen in Deutschland besonders berühren, wenn an verschiedensten Orten der Welt in allerletzter Zeit neue Zäune errichtet werden.

Die Vereinigten Staaten bauten einen Zaun zur Eindämmung der Einwanderung aus den Gewalt- und Drogengebieten Mexikos. Der Staat Israel baut ständig weiter an den Sperranlagen, welche das Passieren von Bewohnern des Westjordanlandes in bestimmte Zonen kontrollieren soll – und die Bauern wissen nicht mehr, wie sie in angemessener Zeit zu ihren eigenen Feldern kommen sollen.

Und nun entstehen im Herzen Europas an verschiedensten Orten Zäune, welche die Wanderungen von Flüchtlingen verhindern oder regulieren sollen.

Jeder Zaun hat einen viel größeren Symbolwert, als man sich im ersten Moment eingesteht. Ein Zaun entwickelt seine Eigendynamik in den Augen der Menschen.

Sehr schnell wird es nicht mehr um den ursprünglichen Anlass seiner Errichtung gehen. Jeder Zaun wird ein Zeichen werden für angstbesetzte Fronten und fehlende politische Lösungen in den jeweiligen Ländern oder für ungeklärte nachbarschaftliche Verhältnisse.

Jeder Zaun, der im – nach seinem Selbstverständnis – freiheitlichen Europa entsteht, wird in anderen Teilen der Welt als Freibrief verstanden werden, eigene Konflikte oder Fronten mit zementierter Abgrenzung zu lösen.

Als Gesellschaften und als Christen in diesen Gesellschaften müssen wir zu pragmatischen Lösungen beitragen. Ob Zäune aber Lösungen darstellen? Paulus schreibt im Epheserbrief noch davon, dass der Zaun durch Christus abgerissen worden sei (Eph 2,14). Wenn schon jemand – nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift – Zäune errichten möchte, dann solle er einen Zaun um seinen Mund ziehen, damit nicht Worte entfliehen, die er nicht mehr zurück holen könne (Ps 141,3). Manches verschärfende Wort fällt inzwischen tatsächlich. Wie könnten ehrlichere Lösungen christlicher Gesellschaften aussehen?

 

markusjacobs

 

 

 

 

DDr. Markus Jacobs
Pfarrer im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Nord-West

Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de© MrsBrown (Foto), Jürgen Ebert (Skulptur) / cc0 – gemeinfrei / Quelle: pixabay.com

 

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